In der Bahn

Wenn ich in der Straßenbahn eingeengt zwischen Menschen, die mit all ihren neuesten technischen Gadgets und Modeaccessoirs vor sich hinschnöseln, meinem hemmungslos weinenden Sohn vor ihren Ohren erklären muss, warum wir nun das heißbegehrte Spielzeug nicht kaufen konnten, dann packt mich maßlose Wut auf diese ungerechte Verteilung von Kapital und Ressourcen, die sich allein schon in einer Straßenbahn äußert und auf ein auf Konsum basierendes System und seiner Werbung, die in ihrer vereinnahmenden Penetranz selbst vor Kindern nicht halt macht.

Done

Ich habe mein Diplom gemacht.

Ich habe während meines Studiums zwei Kinder bekommen, mich getrennt, eine neue Existenz aufgebaut, angefangen in einem Forschungsprojekt zu arbeiten und eine Konferenz mit organisiert. Ich war mit meiner Kraft am Ende und ich hatte so viel Hilfe. Von meiner Familie, von meinen Freunden und vom Team, in dem ich arbeitete. Und unwissentlich von meinen beiden Liebsten.

you will be rebuilt

Ich streife hier ein bisschen das Christentum und auch Israel. Aber eigentlich geht es nur um ein Lied.

Diese Band besteht also laut last.fm aus bekennenden Christen und das zeigt sich auch in ihren Texten. Und ich weiß einfach nicht, wie ich das finden soll. Meine Zwiespältigkeit entsteht dadurch, dass sie einerseits etwas in mir ansprechen, was ich tatsächlich auch im Zusammenhang mit (evangelischer) Kirche erfahren habe, nämlich sie lösen ein Gefühl von Zuversicht und Optimismus aus, sie scheinen zu vermitteln, dass es sich lohnt, Hindernisse anzugehen und sie gemeinsam zu bewältigen. Auf der anderen Seite lässt sich die kirchliche Geschichte mit all ihren Schattenseiten echt nicht vernachlässigen. (Braucht man ja eigentlich nicht aufzählen, so geläufig ist das: systematische Verfolgung und Ermordung von Frauen als „Hexen“, Kreuzzüge, gewaltsame Missionierungen… Auch die Instrumentalisierung von Ängsten mit Hilfe der kirchlichen Moral zur Verfestigung der institutionellen Macht ist mir zuwider, ebenso der aktuelle Umgang mit den Missbrauchsfällen, die aktuelle Haltung zu Verhütung oder Abtreibung und ich könnte jetzt noch so ewig weitermachen.)

Nun gibt es ja etliche Formen, Christentum zu praktizieren und vermutlich ebenso viele Bewertungen der kirchlichen Geschichte und Gegenwart, ich überblicke das nicht. Aber ich weiß, dass wegen oben genanntem für mich selbst Christentum als ein Zugang zur Welt nicht in Frage kommt.

Die Band jedenfalls hat in ihrem Lied, einen Psalm zitiert, der sich auf das Volk Israel bezieht: „Das Volk, so übriggeblieben ist vom Schwert, hat Gnade gefunden in der Wüste“ Das ist Jeremia 31:2 und für mich Glatteis. Denn alles, was sich um Israel, seine Geschichte und seine heutige Bedeutung, seine Politik und die damit verbundenen Konflikte und das Verhältnis, das man mit deutscher Staatsbürgerschaft dazu haben kann oder nicht, dreht, all das ist zu komplex, als dass ich mich dazu positionieren könnte. Ich weiß zu wenig. Und deswegen kann ich nicht fröhlich bei Facebook oder Twitter oder irgendwo undifferenziert plappern, dass ich dieses Lied toll finde. Es bleibt zwiespältig.

Aber es berührt mich. Ich habe zu Musik von jeher eher einen emotionalen, denn intellektuellen oder fachlichen Zugang. Hier ist es so, dass das Gefühl, erschöpft und ausgezehrt am Boden zu liegen bei mir geweckt wird und dann diese Zeilen: „I will build you up again/you will be rebuilt“ so eine ermutigende Entschlossenheit, wieder aufzustehen vermitteln, dass es mich richtig umhaut. Und wie bei so vielen Liedern, die ich liebe, passen hier Inhalt und Form großartig zueinander. Es wird genau in den richtigen Momenten leiser, zaghafter und dann wieder heftiger, energischer. Als könnte keine Verzweiflung und keine Entkräftung zu schlimm sein, wenn es denn jemanden gibt, der willens und damit auch fähig ist, dir beim Aufrichten zu helfen. Ein schöner Gedanke.

Am Rande

Die Ideen der Gemeindepsychologie sind mir grundsätzlich sympathisch.
Wenn z.B. Zimmerman im Standardwerk dieses Ansatzes, im „Handbook of Community Psychology“ in seinem Artikel über Empowerment-Theorie sagt: „All People have the potential to empower themselves“, freue ich mich über diese grundsätzlich positive Herangehensweise an die Fähigkeiten der Menschen.

Interessant jedoch, wie Gemeindepsychologie es schafft, die Relevanz von Empowerment und Einflussmöglichkeiten auf gesellschaftliche oder politische Vorgänge genauso zu betonen wie die Notwendigkeit für Praxisanalyse mit der Analyse von Lebensbedingungen und auch die Kontextabhängigkeit von Verhalten und psychischem Leiden und sie dennoch ohne Gesellschaftskritik auskommt.

Zimmerman sagt „The motivational domain of perceived control refers to the notion that mastery of the environment satisfies an intrinsic need to influence the environment. […] Und: Several investigators have reported that motivational deficits are associated with the perceived lack of control.“ Ich check es nicht. Du kannst doch nicht erzählen, wie gut es für das Individuum ist, Einfluss auszuüben und die Tatsache, dass es Leute gibt, die dabei scheitern ansprechen, aber trotzdem auf dieser individuellen Ebene bleiben! Von hier aus ist es doch nur ein winziger Schritt bis zu der Frage, was (welche strukturellen Bedingungen) den Menschen an (Selbst-)Ermächtigung behindert, wenn sie sowohl das Potential haben, als auch Befriedigung daraus ziehen.

flashback

plötzlich mitten im lernen, ich lasse im hintergrund lambchop laufen, denn ich habe die beruhigende stimme des sängers und die ruhige atmosphäre dringend nötig, erinnere ich mich wieder an diesen song.

ich suche in fieberhaft, finde ihn bei youtube und plötzlich kommt mein damaliges lebensgefühl mit einer wucht zurück und wird lebendig.

diese musik lief bei mir in der dauerschleife, damals noch im mitsubishi lancer, den ich mir ständig von meiner mutter lieh, um damit zu freunden zu fahren, zu partys, zum club. in der zeit unternahm so viel neues mit neuen freunden und bekannten – holte auf, was ich nach einem halben jahr an krücken und in ungewissheit, ob ich sie wieder loswerden würde, nicht hatte erleben können. ich fühlte mich frei und schön (und klug ja sowieso), hatte endlich meinen führerschein nach diesem halben jahr unterbrechung fertig machen können und begann zu ahnen, was es heißt, selbstständig zu werden, eigene entscheidungen zu treffen, eingebunden in selbstgewählte freundschaften. ein selbstbestimmtes leben führen. und diese leicht melancholische, ebenfalls so beruhigende stimme gab mir ein gefühl von geborgenheit in meiner neuen sicht auf die welt und deren möglichkeiten, den menschen darin, auf meinen körper und mich selbst und sie gab mir die gewissheit, dass ich es richtig mache, dass da, wo ich hinwill, da wo ich ankommen will, wo solche musik dazugehört (im gegensatz zu den großraum- oder dorfdiskos, die ihrem publikum deren geliebte musik boten), der richtige ort für mich ist. wo auch immer das sein würde.