Seit kurzem ging das schon so, dass er immer, wenn er wütend wurde über die Reglementierung durch ihn oder mich, knurrte. Dann bildete er eine Pistole aus seinen Fingern und schoss auf ihn oder mich.

Ich verstand nicht, woher das kam, dachte mir aber nichts weiter dabei. Er ist halt ein Junge, er probt sich in männlichen Verhaltensweisen, er ist wütend und sieht darin eine Möglichkeit gegen unser Gemecker aufzubegehren. Eine Möglichkeit, die mich in keiner Weise behindert, die keine direkten negativen Folgen für mich hat, also lasse ich ihn. Er dagegen störte sich massiv daran, verbot es ihm, wurde wütend und mit ätzender Regelmäßigkeit eskalierte die Situation. Dass er so empfindlich auf diese Geste seines Sohnes reagierte, löste bei mir massive Verständnislosigkeit aus. Was nur soll denn so schlimm daran sein?

Aber so stellte ich mir diese Frage überhaupt erst.

Einerseits akzeptiere ich voll und ganz, dass Kinder nicht mit den Vorgaben durch ihre Eltern per se einverstanden sind und weiß, dass meine sehr schnell von mir in die Ecke gedrängt werden, ohne dass ich es bemerke. Dann brauchen sie eine Möglichkeit, da wieder rauszukommen, ohne ihre Würde zu verlieren. Für mich war diese Geste immer genau das.

Aber andererseits verabscheue ich Waffen und gewaltvolle Auseinandersetzungen zutiefst und möchte nicht, dass wir so miteinander umgehen. Ich möchte nicht, dass irgendjemand so mit anderen umgeht. Nur: ist das, was ich da manchmal verlange, nicht auch gewaltvoll, nur eben auf anderer Ebene? Erziehen heißt doch letztlich auch, etwas an den Kindern durchzusetzen, ohne ihre Interessen, ihren Standpunkt dabei zu berücksichtigen. Dass sie da widerständig reagieren, sollte nicht verwundern und muss möglich sein. Sie sollen wissen, dass Widerstand und das Einstehen für die eigene Position sich lohnt. Angefangen in der eigenen Familie.

Aber mit Gewalt? Ich möchte Verständigung. Auch über meine Fehlbarkeiten. Sie sollen mit mir darüber reden können, dass ich mich über sie hinweg gesetzt habe, damit ich sie mehr berücksichtige, aber das geht nicht mit Gewaltandeutungen.
Das mag vielleicht ein deutliches Zeichen sein, um seine Unzufriedenheit mit der Situation zu äußern, aber da stehenzubleiben verbaut Möglichkeiten.

Ich möchte also, dass er seinen Unwillen anders äußert und überlege, wie er auf diese Geste kommt. Da fällt mir ein, dass er so verrückt nach Star Wars ist und wir ihm Ausschnitte aus Episode IV gezeigt haben, in der die Protagonisten, mit denen sich so ein kleiner Junge identifizieren kann, alle Gewalt ausüben, z.B. schießen. Luke, Han, Obi Wan. Dann fällt mir Monster vs. Aliens ein, bei denen die Protagonisten, mit denen ein kleiner Junge sich identifizieren könnte, Aliens erschießen. Aus Versehen. Er hat in den Filmen gesehen, dass Schießen eine legitime, hilfreiche Strategie ist, um sich aus Notlagen zu befreien. Ich dachte immer, er kennt den Unterschied zwischen Geschichten und Real Life, sollte ich mich geirrt haben?

Also erzähle ich ihm davon, dass Schießen im echten Leben zu einer nicht revidierbaren Folge führen kann: dem Tod. Ich versuche den Unterschied zwischen Film und Realität erneut zu erklären, diesmal bezogen auf Schießen als Handlungsstrategie. Er hört so aufmerksam zu, ich habe wohl tatsächlich einen offenen Widerspruch angesprochen. Wieso schießt und kämpft Luke Skywalker, wenn es doch falsch ist, das zu tun, aber Luke doch ein „Guter“ ist, der das Richtige tut? Mein Versuch, das aufzulösen endet in der unterschiedlichen Bewertung des Schießens in Film (vermeintlich legitimes Mittel) und Realität (grob gesagt niemals legitimes Mittel). Und meiner Kritik am Film. Irgendwann wechselt er konsequent das Thema. Genug für heute.

Die nächsten Male, als er auf die Geste zurückgreifen will, hält er währenddessen inne und ändert sie in eine andere, harmlosere. Bleibt nur noch die Frage, wie er nun seinen Unmut äußern kann und ob ich ihm Wege zeigen kann, die auf Verständigung hinauslaufen. Dazu muss ich aber für seinen Standpunkt offen bleiben und darf nicht aus Zeitdruck, Müdigkeit, Belastung oder was auch immer gegen seine Einwände dicht machen und sollte ihm vielleicht auch klar machen, wo da die vermeintliche Befreiung aus der elterlichen Enge Gefahr läuft, stattdessen in die Sackgasse zu geraten.