Wenn meine Gedanken ganz fest beisammen gehalten werden, auf den Text gerichtet, auf die Frage nach Kohärenzgefühl und Widerstandsressourcen, nach der Fähigkeit, Belastungen zu bewältigen, dann schweifen sie heimlich ab zu dir. Dann ist der Kaffeegeschmack, der eben noch auf meinen Lippen war, weg. Statt dessen schmeckt es nach dir und für all meine Sinne bist du wieder präsent. Dein Geruch, deine Stimme mit dieser besonderen Melodie und den Pausen, die du im Satz machst oder deine Hand in meinen Haaren… Alles wieder da.

Unglaublich, ich sah dich nur so kurz, ich war abwartend, ein wenig skeptisch und doch: du warst mir sofort so wahnsinnig nah, ich hatte das Gefühl, wir kennen uns lang. Als teilten wir einst alles, eine ereignisreiche Vergangenheit, die Art, die Welt zu sehen, andere Menschen zu sehen und die Liebe zur derselben Musik, die Schwierigkeiten dieser Welt. Nur dass ich damit anders umging, vielleicht besser funktionierte. Als hätten wir uns einfach nur lange aus den Augen verloren und uns nun wieder gefunden. Ich wollte dir doch zeigen, wie ich nun zurechtkomme und sehen, wie du es tust. Was du mir preisgegeben hast und ich dir… Dein warmer lächelnder Blick, deine vorsichtige Zärtlichkeit, die mir, als ich sie das erste Mal spürte, schien, als hätte ich sie schon immer gebraucht und einfach lange entbehrt. Endlich wieder da. Woher kommt das Gefühl? Es ist mir völlig neu, obwohl ich doch schon so oft hingerissen war von Menschen.
Und es ist mir ein Rätsel, wieso du plötzlich und so schnell weg warst, nicht mehr reagiertest. Was habe ich getan, habe ich dich verletzt, war ich dir plötzlich egal? Ich wollte doch noch so viel mehr von dir, wollte deine Welt jenseits alberner Wer-mit-wem-Geschichten entdecken, die erlebe ich selbst zu genüge. Wollte dich verstehen, mit deinen Augen die Welt sehen und dich mit meinen Augen die Welt sehen lassen. Auch wenn die Gelassenheit und Distanz gegenüber Alltagsbanalitäten, bei denen ich dich vermutete, so gar nicht in deinem Reden zu finden waren. Trotzdem. Dabei habe ich so ein schönes Leben, so viele liebe Menschen bei mir. Aber du fehlst mir und ich hoffe, wir werden wieder miteinander reden, Nähe und Geborgenheit teilen und das befremdliche vertraute Gefühl, das du auslöst, wird wieder lebendig. Gehab dich wohl.