Eine von zwei Alltagsbegebenheiten

Dass so viele bahnfahrende Leute an diesem Tag in Sonntagsstimmung waren, fiel mir deswegen auf, weil ich es nicht war. Ich fahre mit allen Lernutensilien bepackt nach Hause, weil Hunger und Müdigkeit schlechte Lernvoraussetzungen sind und ich mir vorgenommen habe, nach der nötigen Pause weiterzumachen. Es gibt noch so viel zu tun. Die anderen Menschen dagegen haben, wenn überhaupt, Kleinigkeiten dabei, wie Blumen, Kuchen oder Reiseführer und Fotoapparat – solche Dinge, die offenbaren, dass sie nun etwas Schönes tun werden. Eine fröhliche, leichte Stimmung erfüllt den Waggon.

Dann steigt noch einer ein, setzt sich mir gegenüber, legt einen Blumenstrauß vorsichtig auf den Sitz neben sich. Er ist noch jung, also jugendlich und macht den Eindruck, als hätte er heute extra versucht, sich ordentlich zu kleiden und zu frisieren. Er hat eine Boulevardzeitung mit und einen Kaffee in der Hand. So sitzt er da und versucht ein bisschen zu lesen, sein Körper ist aber angespannt. Ob er aufgeregt ist? Und warum? Er wirkt nicht so, als übe er routiniert und unbeschwert eine Sonntagsbeschäftigung aus, es scheint etwas Besonderes für ihn zu sein, was er da heute tut.

Einige Stationen danach kommen zwei ältere Leute dazu, vermutlich ein Paar. Für beide ist „schwer“ die einzig treffende Charakterisierung: schwer ihr Schritt, mit dem sie ihre Körper in die Bahn schieben, schwer ihre sehr gut verarbeiteten Mäntel, schwer und ernst der Ausdruck in ihren Gesichtern. Der ältere, nicht eben schmale Mann setzt sich nun drüben in der anderen Vierer-Sitzgruppe hin, lehnt sich schräg in die Ecke hinein und lädt seine Beine aus. Da nun noch jemand anders da drüben saß, ist für die ältere, nicht eben schmalere Frau dort nicht mehr genug Platz, also zögert sie und und verlangsamt ihren Schritt, beschließt dann aber recht unerwartet, als sie im Gang zwischen den beiden Sitzgruppen steht und ihren Mann anblickt, sich rücklings auf den Sitz hinter sich fallen zu lassen – keiner ihrer Muskeln bremst diese Bewegung und ihr breites Gemächt landet auf dem Blumenstrauß des jungen Mannes.

Sie dreht sich zu ihm um: „Entschuldigung“ und hebt einen Teil des Gesäßes so kurz und knapp an, wie sie gerade gesprochen hat. Der Junge rettet seine Blumen, so gut es geht, betrachtet diese und die Frau und sagt nichts, während ich sie entsetzt anglotze, da erhebt sie wieder ihre Stimme, indem sie einen Belehrungston perfekt mit einer Note Scheinheiligkeit nuanciert: „Aber die brauchen ja auch keinen eigenen Platz, nicht?!“ Er spricht nun doch: „Sie hätten ja vorher was sagen können.“ „Ich hab sie nicht gesehen“, erwidert sie mit dieser Belehrungs-Scheinheiligkeits-Tonlage, als hätte sie das ja bereits dreimal angeführt und eine erneute Erklärung wäre nun langsam mal zuviel des Guten. Jetzt hat sie sich nach meinen Maßstäben ins moralische Aus katapultiert und ich starre sie mit aller Verachtung, die ich für dieses Verhalten habe, an.