Zunächst war ich mir nicht sicher, ob ich wirklich gehen sollte, schließlich musste ich mich auf eine Prüfung vorbereiten. Ich hatte mir als Thema die Geschlechterdifferenzen in Berufsverläufen am Beispiel der Medizin und Psychologie ausgesucht und nun lockte da diese Veranstaltung, die Queerfeminismus mit Ökonomiekritik verbinden will? Passt ja irgendwie, dachte ich, also hin.

Passte nur so halb, denn über das Aufzählen von Unterschieden waren sie da schon lange hinaus.

Individualisierung und Privatisierung von Gewalt. (Gewaltökonomien I)

Das war die erste Veranstaltung, auf der ich war. ,Was für ein Titel‘, dachte ich, was sind denn Gewaltökonomien?

Da saßen dann Theoretiker_innen und Praktiker_innen zusammen und stellten ihre Arbeit vor. Immer wieder ging es darum, wie neoliberalistische Strukturen dazu führen, dass Menschen, die von sexueller Gewalt betroffen sind, danach zusätzliche Ausgrenzung erfahren. Sei es durch die Denkweise, dass vermeintlich „richtiges“ Verhalten Krankheiten, gar psychische Störungen verhindere, sei es durch den Effizienzdruck, der auf Versorgungsstellen ausgeübt wird, sei es durch die unpersönliche Kommunikation von den Behörden oder durch psychologisierende Denkweisen.

Wenn z.B. eine Beraterin davon erzählte, wie schwierig es war, mal jemanden von der Behörde ans Telefon zu bekommen, um den Umzug einer Frau zu genehmigen, weil ihr Vergewaltiger ihre Wohnung kannte, und dass sie sich immer wieder erklären musste, dann war das ziemlich erschütternd.

Taking care of grandfather Marx?

Hier saß nun eine Arbeitsgruppe mit Gast auf einem Podium, das keines sein sollte und behauptete, dass Marx für die Analyse der Geschlechtsverhältnisse nicht geeignet sei, da er Reproduktionsarbeit, also nicht entlohnte Arbeit aus seiner Analyse systematisch ausgeklammert habe. Ihre Frage war nun, wie sich durch „doing gender“ diese Abwertung der Reproduktionsarbeit wieder aufheben ließe, zumal sie auch zunehmend monetarisiert wird.

Die Tiefe und Dichte der Vorträge beeindruckte mich immens, dennoch bin ich mir unsicher, ob sich mit Marx wirklich nicht feministische Probleme analysieren lassen. Wenn ich die Referent_innen richtig verstanden habe, kritisieren sie, dass bei Marx Reproduktionsarbeit hinten runter fällt, weil sie keinen Mehrwert schaffe. Würde jemand im Hotel putzen, schaffe er oder sie einen Mehrwert, anders dagegen beim zu Hause putzen. Nun ja. Leuchtet mir nicht ein, schon gar nicht, wenn dieses „private“ Putzen dann an eine Putzfrau abgegeben wird, um selbst arbeiten zu gehen. Da wird doch Mehrwert geschaffen? Da ich aber nicht so im Stoff stehe, kann ich auch nicht dagegen halten, aber ich will das noch lernen.

Ich habe unheimlich profitiert von dieser Veranstaltung, konnte viel Neues hören, doch etwas störte mich: die Art, wie mit Publikumsbeiträgen umgegangen wurde. Wenn jemand etwas sagte, kam es nicht selten vor, dass sich die Leute auf dem Podium, das keines sein sollte, vielsagende Blicke und ein Schmunzeln austauschten, manchmal sogar die Frage übergingen (nun gut, es herrschte enorme Zeitknappheit) oder ihre vieldeutige Mimik und Gestik sich schlicht als Überheblichkeit deuten ließ.

Andere Eindrücke zum Event kann man beim Missy Magazine, auf die auch mit kurzer Anmerkung iheartdigitallife verweist, oder bei Queer-O-Mat lesen.

Die Veranstaltung hieß ja im Untertitel „Queerfeminismus & Ökonomiekritik“. So sehr ich mich als Feministin sehe, so wenig weiß ich, wie ich mit Queer als Begriff umgehen soll. Spannend ist daher für mich Antje Schrupps Erklärung, warum sie nicht queer ist.