Die Zeit der Prüfungsvorbereitungen ist immer eine Zeit der Extreme. Die Widersprüchlichkeiten, die hier auf einander stoßen, hemmen und bewegen so viel.

Durch die volle Konzentration auf ein Thema, verengt sich das Blickfeld, andere wichtige Dinge geraten außerhalb des Fokus. Das heißt, sie sind eigentlich noch da, doch überschattet vom schlechten Gewissen, jetzt nicht zu lernen, sondern anderes zu tun. Damit wird das Lernen einerseits zu einer einzigen Qual, zu einem ständigen Kampf um Selbstdisziplin, der mit steigendem Zeitdruck zwar leichter auszutragen ist, doch eben zum Preis des steigenden Drucks.

Ein verschärfender Randaspekt ist, dass ich mir selbst die Zeit mit meinen Kindern entsage. Und nicht nur das, ich weiß auch zu schätzen, wie kostbar diese Möglichkeit überhaupt ist. Damit fühle ich mich zum Einen schlecht, weil sie mich nicht sehen und zum Anderen, weil ich nicht mal lerne, sondern die Zeit verplempere. Als mein Sohn mich am Tag vor der letzten Prüfung – zum ersten Mal eigenständig – anrief und mit trauriger Stimme sagte: „Mama, du sollst herkommen“, herrschte wohl bei uns beiden tiefste Verzweiflung.

Hätte ich doch nur. Hätte ich doch nur meine Zeit besser eingeteilt, früher angefangen, mehr geschafft usw. Ich hätte bei ihm sein können.
Aber fremdgesetzte Lernziele und -inhalte können nicht widerspruchsfrei oder glatt umgesetzt werden.
Lernen an sich ist immer ein Prozess, der von Bewegung und Stillstand gekennzeichnet ist. Das bezeichnet Lernen.

Und ich habe viel gelernt. Denn so quälend und behindernd diese Form zu Lernen und zu Arbeiten ist, so bereichernd ist sie auch.
Ich habe zwar gelernt, dass Frauen und Männer unterschiedliche Berufsverläufe haben und diese (nicht überraschenden) Unterschiede in der Medizin stärker ausgeprägt sind als in der Psychologie und ich habe gelernt, auf welchen Prinzipien die dialektisch-behaviorale Therapie der Boderline-Persönlichkeitsstörung, (die zu einem Großteil bei Frauen diagnostiziert wird) aufbaut, was am darin vorfindlichen Bild von der Störung einzigartig ist und warum Klinische Psychologie potentiell Frauen benachteiligt, aber eigentlich geht es um etwas anderes.
Es geht um die Form von Kritik. Denn ein Bemerken und Bemängeln von Unterschieden ist nicht das Gleiche wie eine grundsätzliche Skepsis gegenüber den Kategorien, mit denen benachteiligendes Denken und Handeln möglich und naheliegend wird. Deswegen kann Feminismus immer nur mit Gesellschaftskritik einhergehen und hier eröffnet sich nun mein nächstes Feld. Die Werkzeuge, die Kategorien zur kritischen Gesellschaftsanalyse, deren Anwendung ich (hoffentlich) fähig bin auf Geschlechterdiskriminierung beziehen.

Luft holen. Nun ist der mächtige Druck, das furchtbare schlechte Gewissen weg, ich bin schlauer geworden und sehe, was es noch alles zu entdecken gibt, kein Zwang, aber Möglichkeiten. Die Euphorie wegen der bestandenen Prüfungen geht in Enthusiasmus für‘s nächste Thema über. Ich liebe das.
Nun aber erst mal die Kinder. Die liebe ich auch. Ich wünschte, das würde sich nicht immer so ausschließen.