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Dass bis zu dem Moment, an dem ich sie nun in der Hand hielt, eine Menge passiert sein musste, ergibt sich eigentlich von selbst. Der schöne Abend endete im Zuge der Erkenntnis des Unfalls mit großem Schrecken und dem Vorhaben, am nächsten Tag so schnell wie möglich eine Ärztin zu suchen. Zwischen Arbeit und Bibliothek ließ sich tatsächlich eine finden und so kam ich, nachdem ich durch massive Angst vor einer Schwangerschaft und unzählige moralisierende Selbstvorwürfe ob meines unsteten Lebenswandels gegangen war, schließlich mit erleichternder Hoffnung in der Bibliothek an. Diese Selbstvorwürfe hatte ich mir vor dem Unfall nicht gemacht, jedenfalls nicht in der Schärfe und sie überraschten mich auch deswegen, weil sie vollkommen fehl am Platze waren: Wir hatten alles richtig gemacht, solche Dinge passieren einfach.
Manchmal gibt es seltsame Zufälle. Nur wenige Tage nach meinem Erlebnis stieß ich plötzlich auf diverse Diskussionen zum Thema Abtreibung und “Pille danach”. Da kam zum einen die Frage auf, ob es richtig sei, über seine eigene Abtreibung zu twittern und zu bloggen, Wolfgang Schmidbauer löste mit einem Ratschlag zu einer hypothetischen Schwangerschaft jede Menge Diskussionen aus und sah sich zu einer ausführlicheren Argumentation veranlasst und letztlich schrieb im Mädchenblog leonie über ihre aktuellen Erfahrungen mit der Pille danach.
Der Fokus der Diskussionen geht in eine ganz andere Richtung als meine eigenen Probleme mit der Geschichte.
Es ging (zunächst nur bei Schmidbauer, dann in den Kommentaren teilsweise auch bei leonie) um den konstruierten Fall, dass eine Frau die Möglichkeit einer Schwangerschaft eingeht und den Mann darüber nicht mitentscheiden lässt. Was mir an dieser Debatte u.a. auffällt: Das diskutierte Problem ist von vornherein so einseitig aus der Perspektive des Mannes geschildert und die wird (so scheint es mir) auch nicht verlassen, um die der Frau einzunehmen.
Was mich daran verstört: Das geht so völlig an meiner eigenen Lebenswirklichkeit vorbei. Klar, denn ich bin eine Frau. Aber auch aus einem anderen Grund. Denn ich bin unmittelbar betroffen und frage mich derzeit, ob die Pille denn nun tatsächlich bei mir wirkt oder nicht (dies scheint umstritten, wie ich via Mädchenblog dann las). Somit ist meine Erleichterung obsolet und nun plage mich noch weiter mit all den seltsamen Vorstellungen und Gefühlen rum, die im Zuge der Ungewissheit meines Zustandes durch meinen Kopf geistern. Ich habe Angst davor, abtreiben zu müssen und noch mehr Angst vor einer Schwangerschaft mit all ihren Konsequenzen. Ich dachte erst, dass es, wenn es um Pille danach, Abtreibung, Schwangerschaft usw. in öffentlich geführten Debatten geht, selbstverständlich zunächst mal um die weibliche Perspektive geht. Aber das ist wohl einfach ein anderes Thema.

Ich verstehe diesen Gedankenmix nur zum Teil. Was sind meine Gedanken in so einer Situation?
Wie schlimm ist eine Schwangerschaft? Lieber Pille danach nehmen, mit allen unberechenbaren Nebenwirkungen oder das Risiko einer Schwangerschaft eingehen, die bei einem einmaligen Unfall auch nie höher als das einer Nicht-Schwangerschaft ist? Würde ich im Fall eines Falles an der Schwangerschaft zerbrechen, egal ob Kind oder Abtreibung? Wenn ja, weshalb dann die Pille danach und nicht eine sicherere Art der Notfallverhütung wie IUP oder Kupferkette? Beteiligt sich der männliche Part an den Kosten? Wie verhüte ich in Zukunft? Und, wenn es eine Kondompanne war, wie sieht es mit dem Risiko sexuell übertragbarer Krankheiten aus? War es mein fester Partner, mein ONS von dem ich nicht einmal den Nachnamen kenne?
Das wäre mir in dieser Situation wichtig, die Frage, wie gerade das Problem der Pille danch und Abtreibung diskutiert wird, wäre mir nicht mal sekundär, sondern schnuppe. Ich habe ein Problem, ich suche eine Lösung. Der Rest ist egal.
“Ich dachte erst, dass es, wenn es um Pille danach, Abtreibung, Schwangerschaft usw. in öffentlich geführten Debatten geht, selbstverständlich zunächst mal um die weibliche Perspektive geht. Aber das ist wohl einfach ein anderes Thema.”
Ich denke mal es geht jedem zuerst um seine Perspektive.
Die der Frau ist dabei meiner Meinung nach die eindeutigste. Schließlich hat sie Wahlmöglichkeiten und Entscheidungsfreiheit.
Die Lage des Mannes ist wesentlich schwieriger. Weil er von einer fremden Entscheidung abhängig ist, die aber sein gesamtes weiteres Leben betrifft. Frauen wehren sich in der Abtreibungsdebatte dagegen, dass andere ihnen die Entscheidung über eine Abtreibung verbieten. Für Männer ist die Alltag, zwar aus gutem Grund, weil eine Abtreibung eben ein Eingriff in den Körper der Frau ist, aber dennoch entscheidet eben jemand anders.
Hab das schon im andern Blog geschrieben. Hältst ein reines Gestagenpräparat in der Hand. Frag, wenn so etwas noch einmal vorkommt, nach der neuen Pille danach, bzw. der Spirale danach, die Sicherheit, die damit gewinnst, ist es wert.
Bzw. falls 5-7 Tage noch nicht ganz um sind, ist es für die Spirale danach noch nicht zu spät (Alternativ auch Kupferkette danach), es sei denn, eine Schwangerschaft wäre keine Katastrophe.
Sorry, will nicht provozieren, nur ein gutgemeinter Ratschlag.
@Miau: All deine Fragen, die sich um den beteiligten Mann drehen, stelle ich mir nicht, was aber nur an der konkreten Situation liegt und z.B. bei einem anderen Mann anders sein könnte. (Ich vertraue ihm und er beteiligt sich finanziell und emotional.) Vielleicht tauchen auch darum hier andere Fragen auf, die dir schnuppe wären.
@Christian: Männer sind ja nicht per se von der Frage “Abtreibung oder nicht?” ausgeschlossen, das ist ja pro Frau und Mann unterschiedlich. Aber wenn eine Frau sich absolut gegen die Schwangerschaft entscheidet, ist er ausgeschlossen, das stimmt. Finde ich aber deswegen richtig, weil die Konsequenzen, die sich aus der Geburt eines Kindes für eine Frau ergeben, leider noch sehr viel drastischer als für einen Mann sein können. Sie wird schon wissen, warum sie das nicht will. Aber mein Hauptargument: Eine Abtreibung ist nicht eine lebenslange Entscheidung gegen Kinder. Wenn beide das wollen, können sie später immer noch Kinder kriegen und in dem Sinne betrifft es nicht sein ganzes weiteres Leben.
Deswegen frage ich mich auch, was die Schärfe in den anderen Diskussionen soll.
Der umgekehrte Fall ist da schon anders: Er will die Abtreibung und sie nicht. Das finde ich so schwierig, dass ich da keine richtige Position habe. Ich sehe, was eine Frau dazu bewegen könnte, so zu handeln und sehe das Problem für den Mann.
@Pharmatussy: Danke für den Hinweis! Das Problem war, dass ich echt mehrmals nachgefragt habe, wie sicher das ist, weil ich vermutlich gerade den Eisprung hatte. Und die mir nichts anderes empfohlen hatten mit der Begründung, dass auf jeden Fall eine Einnistung verhindert wird. Aber nun weiß ich es ja, falls es noch mal passiert (was ich nicht hoffe).
So habe ich es ja nicht gemeint. Ich meinte, Unfall, nachdenken wie lösen. Gedanken, ob die Situation gut ist, über Abtreibung an sich nachdenken, das ist unnötig, das war meine Meinung. Problem da, also Lösung finden. Sorry, habe es vielleicht schlecht formuliert.
Pharmatussy hat natürlich Recht. Die Pille danach verhindert NICHT die Einnistung. Früher stand das in der Packungsbeilage, ist derzeit aber widerlegt. Deshalb bringt sie nach einem Eisprung auch nichts.
@ Pharmatussy
Mit der neuen Pille meinst du wohl
http://www.ellaone-registry.com/de/download/package_leaflet_DE_240909.pdf
oder? Ja, bei geht man von einer nidationshemmenden Wirkung aus, ist aber nicht sicher, ich würde dem auch nicht so trauen. Aber sicherer als die herkömmlicke Pille danach scheint sie zu sein.
@ Jess
Zu deiner Antwort an Pharmatussy. Hat dir deine Ärztin diese Information gegeben? Die ist eindeutig falsch. Eine Einnistung wird nicht verhindert. In entsprechenden Publikationen war das auch zu lesen. Leider sind Ärzte nicht immer auf dem neusten Stand.
Pharmatussy hat mit der Empfehlung Recht und wenn es am 4. geschehen ist, wäre es Morgen noch nicht zu spät für die Spirale. Ist aber auch immer ein Kunststück, einen Arzt zu finden, der sofort die Spirale setzt.
Kannte die Infos auch früher nicht, vor Jahren habe ich explizit gefragt, ob es eine Notfallverhütung gibt, die noch 5 Tage nach dem Unfall wirkt, was mir mein Arzt verneint hat. War eindeutig falsch. Wäre mir einiges erspart geblieben.
@ Miau: Ich war in der Annahme, ich habe getan, was ich konnte und kann nun nur noch warten. Insofern sind das hier neue Infos für mich, über die ich froh bin. Auch wenn ich seit kurzem vermute, die Pille hat gewirkt (bin noch nicht ganz sicher, aber wird sich ja zeigen), trotzdem ist es echt gut zu wissen, dass es Alternativen gibt.
Dass du dir wegen eines schlecht informierten Arztes Dinge nicht ersparen konntest, tut mir leid! Und es regt mich auf, wenn Ärzte ihre Unsicherheiten nicht eingestehen. Sie hätten nicht solche Tragweite, wenn man wüsste, dass man sich besser noch mal woanders informiert.
Man sollte sich einfach an folgende Faustregel halten: Was Verhütung angeht, sind Ärzte extrem schlecht informiert. Ich habe keine Ahnung, ob das im Studium zu wenig behandelt wird. Aber wenn ich immer wieder von Fällen höre, in denen Ärzte einer Migränepatientin die Pille verschreiben, ihr erzählen, eine Spirale sei nur für Frauen geeignet, die schon geboren haben, obwohl das schon lange nicht mehr aktuell ist, stehen mir die Haare zu Berge. Man sollte doch Kompetenzzentren für Familienplanung einrichten, für Verhütung, die Pille danach und für den Schwangerschaftsabbruch. Dann wäre man nicht auf das Halbwissen von irgendwelche Gynäkologen angewiesen, die nicht auf dem neusten Stand sind.
Na, so pauschal würde ich es nicht sagen, es gibt tatsächlich Ärzte die sich auskennen. Einige wollen sich aber nicht den Tatsachen stellen und suchen den Weg mit dem geringsten Aufwand und größter Einnahmemöglichkeit.
Und manche haben auch ethische Vorbehalte gegen Spiralen. Gerade wenn sie “danach” gelegt wird und es zu einer Befruchtung gekommen ist, dann ist der einzige Zweck, die Einnistung des Embryos zu verhindern. Mit dieser Funktion haben Abtreibungsgegner häufig Mühe und verschreiben lieber Mittel, die nur den Eisprung verhindern.
Hm, Selbstvorwürfe ich mir eher wegen der Verhütung als wegen dem Lebenswandel machen. Die Pille danach ist eine gute Rückversicherung, jedoch bei weitem nicht so sicher, wie normale Verhütung auf Dauer. Selbst in meinen Singlezeiten nehme ich die Pille, immer als Rückfallebene, so bin ich geschützt, wenn mit dem Kondom was schief geht. Mit der Pille bin ich eigentlich ganz zufrieden, zur Diskussionen stehen hier ja auch Spiralen. Wäre für mich persönlich eher keine Option, aber auch eine sichere Verhütung.
Man kann diese unglückliche Geschichte auch als Input sehen, um über sichere Verhütung grundsätzlich nachzudenken.
Alles gute, und viel Glück! Es wäre ja wirklich Pech, wenn es bei einem einmaligen Unfall einschlagen würde und die Pille danach nicht wirkt. Dennoch, denk darüber nach.