Sie sagte: Befriedigung durch Substanzen ist eine schnelle und einfache Form sich glücklich zu machen, wenn z.B. mein Tag mich so unbefriedigt zurücklässt. Wenn ich müde war, noch so viel machen wollte und im Bett nicht einschlafen konnte, dann half das. Ich konnte einschlafen, wirklich müde und musste nicht nachdenken. Doch wenn Trinken die Funktion hat, sich wegen der schieren Unbewältigbarkeit der Probleme zu benebeln, dann verbaut man sich die Möglichkeit, seine Probleme zu verstehen und zu lösen.

Wieso hinterfragte ich mein Verhalten? Ich habe es doch wissen wollen, habe doch erfahren wollen, wie es ist, über mein Leben ein Stück weit die Kontrolle zu verlieren. Nur, der einst kontrollierte Kontrollverlust war schon wieder meinen Händen entglitten. Ja, ich hatte das bewusst provoziert, doch die Folgen gingen auch auf Kosten wichtiger Menschen. Etwas, das sich nicht umkehren und wieder gut machen lässt. Zu weit gegangen ist zu weit gegangen. Egal, wie viele Schritte. Das war nicht mehr folgenlos und unwichtig, so wie die eigene Traurigkeit. Nicht auch noch die anderen. Es muss sich ganz, ganz schnell etwas ändern.

Während ich so auf der einen Seite tiefer ins Unglück stürze, als jemals zuvor, tut sich auf der anderen Seite etwas Neues auf. Plötzlich begegneten mir Menschen, die mir nur aufgrund des Eindrucks, den ich erweckte, Achtung entgegenbrachten. Eine völlig neue Erfahrung, die Lust auf mehr macht.
Ich habe so unglaublich lang immer wieder meine Verzweiflung und Einsamkeit überspielt, habe so immer wieder mein Glück selbst schaffen wollen. So viele Menschen begegneten mir dabei, die kurze, schöne Momente mit mir teilten, nein besser: wir verschufen uns gegenseitige, doch keine gemeinsamen schönen Momente. Ich hatte kein Interesse daran, auch ihre anderen Seiten zu sehen. Nichts Tiefes, nichts Langes, schnell weiter. Komm mir bloß nicht zu nahe. Auch hier die kontrollierte Unkontrolliertheit. Wer jeweils kam, das gab ich halbwegs aus der Hand, es wurde gleichgültig, wichtig war nur, dass er wieder ging und mich allein ließ.
Die, an die ich mich vorher hing, die wendeten sich schnell ab, als ich schwierig wurde.

Ich sagte zu ihr: Denn aus der Angst heraus zu handeln, dass man den anderen verliert, ist ein total restriktives Handeln. Sie: es schafft eine Instrumentalbeziehung. Ich: Ja, man instrumentalisiert den Anderen, um die eigene Angst ob des Verlusts von ihm in den Griff zu kriegen. Doch wer will sich schon gern instrumentalisieren lassen? Klar, wenn er dann geht. Sie nickte.

Dann diese Zeichen meiner Gleichgültigkeit, die zunächst mich selbst und später auch andere betraf – sie irritierten mich.
Gleichgültig mir selbst gegenüber: Dass der Schaden, den ich mir mit meinem Verhalten zufügte, von mir billigend in Kauf genommen wurde. Der Schaden, die Schäden? Wen interessiert‘s, solange ich funktioniere? Und das tue ich. Merkt keiner was, ich bin ja fröhlich, wenn es darauf ankommt. Ich tue nicht nur, ich bin fröhlich, wenn es darauf ankommt. Sonst sind sie weg, das kannte ich ja nun.
Gleichgültig anderen gegenüber: Ich musste mich zwingen, ihnen am nächsten Tag noch zuzuhören. Hatte ich ihnen gestern zugehört? Dass, was sie einzigartig machte, war mir wichtig abends, alles andere interessierte mich nicht. Und komm mir bloß nicht zu nahe. Frag nicht weiter nach, ich tue es auch nicht. Was soll da schon für ein Gespräch am nächsten Morgen entstehen? Aber bin das ich? Uninteressiert an ihren Leidenschaften, Vorlieben? Warum dann so nahe? Wo ist meine geistreiche Art, meine Fähigkeit, Widersprüche auf den Punkt zu bringen und ihnen einen neuen Blick auf alte Probleme zu ermöglichen? Warum sind sie mir so egal? Ich werde mir fremd.

Das Gefühl, eine grundsätzlich problematische Lebenssituation nicht anerkennen zu können, weil das unerträglich wäre, ist schon sehr merkwürdig. Sollte es mir wirklich so schlecht gehen? Kann ich gar nicht glauben. Läuft doch schließlich alles so halbwegs. War doch alles so gewollt, habe ich doch selbst entschieden. Es ist aber die einzige Erklärung für die Seiten meines Handelns, die ich nicht verstehe.

Damit verbunden die Frage: Sollte es doch außerhalb meines Wunsches gelegen haben, die Kontrolle zu verlieren? War dies vielleicht die verlockenste Möglichkeit innerhalb restriktiver Lebensbedingungen und damit weit von dem entfernt, was ein Wunsch ist?
Ich habe so gut wie keine Chance auf ein Standard-Familienleben. Zunächst einmal, weil es mich so sehr gruselt. Ich kann es nicht, denn ich sehe nur Käfige, wenn ich Familien betrachte. Manche sind golden. Meiner war es auch. Das macht es so bitter. Ich hätte es schön haben können, soweit das hier und heute möglich ist.
Außerdem will es auch keiner mit mir haben. Viele wollen vieles von mir, aber das will keiner. Wenn es mir gut geht, halte ich das aus. Die Oberflächlichkeit zu den Kita-Bekannten, die Oberflächlichkeit zu den Männern. Ich halte sie fern, damit sie mein Unglück nicht sehen, damit sie mich nicht beurteilen, damit sie mir nicht zeigen können, dass sie mich lieber fern haben wollen. Denn das weiß ich ja nun.
Verdammte Kacke, tut das weh.

Dabei will ich kein Familienleben oder so. Also warum denken sie das immer? Weil kein Mann an meiner Seite ist? Will ich das etwa? Ich will Nähe, Vertrautheit, Verlässlichkeit und keine Konkurrenz. Ich will gelassen, gefragt und gebraucht werden und Augenhöhe. Ohne Käfig. Ob das geht? Es fehlt mir.