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Du darfst wählen, aber du zahlst dafür.

Freitag, Juni 11th, 2010

Gedanken zu Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“

Je mehr sich politische und wirtschaftliche Freiheit verringern, desto mehr pflegt die sexuelle Freiheit sich kompensatorisch auszuweiten. Und der Diktator (falls er nicht Kanonenfutter braucht, um mit ihnen noch unbesiedelte oder zu erobernde Gebiete zu kolonialisieren) wird gut daran tun, diese Freiheit zu fördern. In Verbindung mit der Freiheit des Tagträumens unter dem Einfluss von Rauschmitteln, Filmen und Rundfunk wird die sexuelle Freiheit dazu beitragen, seine Untertanen mit der Sklaverei, die ihr Los ist, auszusöhnen.“ (S. 19) erklärt Huxley im Vorwort zu Schöne neue Welt“ in der Taschenbuchausgabe des Fischer Verlages.

Es gab Aspekte an einer zukünftigen Gesellschaft, die er da zeichnete, welche ich als sehr treffend empfand und andere, da sträubte sich alles in mir.

Erst sträubte es sich in mir, als ich merkte, dass das Abschaffen der Familie und der Monogamie und die in der zukünftigen Welt allgemein verbreitete sexuelle Freiheit so negativ dargestellt wurden. Der Weltaufsichtsrat erklärt Studenten eingangs den Sinn dieses Abschaffens recht psychoanalytisch in etwa so, dass durch „Familie, Einehe, Romantik“ alle Triebe und Kräfte auf einen Punkt, z.B. den Nachwuchs gerichtet oder eingedämmt werden und so das Kind leidenschaftliche Gefühle entwickelt. Und immer wieder fällt dabei der Begriff „Einsamkeit“: einsame Reue, einsamer Schmerz und einsames Angewiesensein auf sich selbst. Darum wurden in der Zukunft „Familie, Einehe und Romantik“ abgeschafft.

Wie Freizeit und Arbeit zusammenhängen

Im Eingangszitat oben, aus dem Huxleys knapp zwanzig Jahre jüngerem Vorwort zum Roman, wird ein Zusammenhang zwischen der Art, wie Menschen ihre „freie“ Zeit verbringen und der Gesellschaftsform hergestellt. Das gefällt mir, weil die Idee, obwohl sie nicht neu ist, schnell wieder abhanden gerät. Die spontane Denkweise ist ja eher, dass Arbeit und Freizeit zwei relativ unabhängige Lebensbereiche sind. Doch stellt man diesen Zusammenhang einmal her, so ergibt sich, dass es eben nicht egal ist, wie unser Arbeitsalltag verläuft und vor allem, wie sehr wir darüber mitbestimmen. Es gibt Studien, die feststellten, dass Menschen, die tagtäglich stumpfsinnige, monotone Arbeit verrichten auch in der Freizeit tendenziell stumpfsinnige und monotone Beschäftigungen ausüben, während eine abwechslungsreiche, anregende Arbeit auch mit ähnlich charakterisierbarer Freizeitgestaltung einhergeht. Diese Studien entstanden, wenn ich mich recht  an meine Lektüren erinnere, während des Fordismus, also zu einer Zeit, als auch Huxleys Roman erschien.

Auch in der schönen neuen Welt scheint Freizeit mit recht monotonen Ereignissen gefüllt zu sein: Es läuft meistens auf Ausgehen, also „Fühlkino“ und Sex hinaus. Interessant ist jedoch, dass hier die Norm ist, häufig verschiedene Partner_innen zu haben, während länger andauernde Beziehungen nicht gutgeheißen werden.

So wird z.B. Lenina Braun, nachdem sie erzählt, dass sie seit vier Monaten nur einen Mann trifft, von ihrer gutmeinenden Freundin Stinni ermahnt: „Allen Ernstes: ich glaube, du solltest vorsichtig sein. Es ist schrecklich ungehörig, so lange mit einem und demselben Mann zu gehen. (…) Außerdem weißt du doch, wie sehr der Bund gegen alle heftigen oder sich hinziehenden Affären ist. Vier Monate mit Henry Päppler ohne einen anderen Mann daneben – also, er wäre einfach wütend, wenn er wüßte –

Die sexuelle Freiheit, von der Huxley spricht, kann nur eine scheinbare sein, wenn sie mit diktatorischen Lebensbedingungen einhergeht. „Freiheit“ ist hier wohl der falsche Begriff, wenn die Menschen lediglich in einem engen Rahmen wählen können, wie sie sich diese Form von Befriedigung verschaffen können, nicht aber ob sie das wollen.

Der im Eingangszitat auftauchende Gedanke, dass „Freiheit“, also die Möglichkeit, recht schnell und einfach (vermeintlich) schöne Gefühle durch Unterhaltung, Drogen oder Sex herzustellen, instrumentalisiert wird, um Leute gefügig zu halten und sich mit  fremdbestimmten Lebensbedingungen leichter zu arrangieren, durchzieht das ganze Buch. Einer dieser treffenden Aspekte darin.

„Du darfst wählen, aber du zahlst dafür“, wie Huxley sein Vorwort schließt, hat also dummerweise den Haken, das die Wahl eine sehr begrenzte,  keine wirkliche Wahl ist.

Leidenschaft und Beziehungen

Wenn Leidenschaft dadurch entsteht, dass begehrt wird, dass eine Befriedigung nicht eintritt, ist es auch konsequent, dass Michel sich im Versuch, sich von dieser Gesellschaft zu distanzieren, letztlich in Enthaltsamkeit und Einsamkeit zurückzieht. Leidenschaft scheint für Huxley damit quasi zu einem widerständigen Moment gegen ein Mitlaufen und Funktionieren in einer perfekt durchgeplanten Welt zu werden.

Doch fiel mir auf, dass immer, wenn die Menschen in seinem Roman statt dieser unverbindlichen Beziehungen doch in familiären Strukturen leben oder dies wollen, Gewalt gegen Frauen auftrat. Sei es gegen die Mutter Michels oder gegen Lenina. Damit mag Leidenschaft wohl ein widerständiges, doch kein emanzipatorisches Moment in der utopischen Gesellschaftsform sein und es entsteht beim Lesen ein Gefühl der Ohnmacht und Ausweglosigkeit.

Zur Kritik an monogamen Beziehungen, auch wenn sie sehr kurz gegriffen ist, kommt eine Kritik an einem Umgang mit Sex, der von den Menschen absieht, der Frauen (veranschaulicht an Lenina) nur zu Objekten für die schnelle Befriedigung macht.

Parallelen zu unserer Gesellschaft

Nun ja, treffend war ja auch die Erklärung, warum es gewollt war, dass Menschen zwar Freiluftsport, aber keine Natur mögen sollen: „Die Liebe zur Natur halte keine Fabrik in Gang. (…) ,Wir normen den Massen den Haß gegen landschaftliche Schönheiten an‘, schloß der Direktor, ,doch zugleich auch die Liebe zum Freiluftsport. Dabei achten wir darauf, daß jeder Sport den Gebrauch komplizierter Geräte nötig macht. Sie benutzen also nicht nur Verkehrsmittel, [um an die frische Luft zu kommen], sondern auch die Fabrikerzeugnisse‘.“ Mh, wenn man neben den komplizierten Geräten noch die vielen schönen und aufwändig hergestellten Produkte aus Outdoorläden dazu denkt, ist die Zukunft wohl Gegenwart.

Oder das hier fand ich auch sehr bezeichnend: „,Und darin‘, warf der Direktor salbungsvoll ein, ,liegt das Geheimnis von Glück und Tugend: Tue gern, was du tun mußt! Unser ganzes Normungsverfahren verfolgt dieses Ziel: die Menschen zu lehren, ihre unumstößliche soziale Bestimmung zu lieben‘.“ Vielleicht ist sozialer Status (noch) nicht unumstößlich und wird auch nicht von jemandem bestimmt, doch wird ja z.B. von der Motivationspsychologie durchaus gestützt, dass wir das wollen, was wir sollen. Verinnerlichte Zwänge, quasi.

Außerdem der Gedanke, dass die Menscheneinteilerei sich auch im Körperlichen veräußert… Während bei Huxley dies vor der Geburt festgelegt wird und dann so bleibt, denke ich, dass der gesellschaftliche Status eines Menschen sich erst im Laufe seiner Biographie, einhergehend mit bestimmten Lebensbedingungen, durchaus in seinem körperlichen Zustand niederschlägt.

Fragwürdig ist allerdings das gängige Geschlechterrollenbild, das auch hier reproduziert wird: Hohe Positionen sind nur von Männern besetzt, die Studenten sind durch die Bank männlich und Frauen lassen sich von Männern einladen, nicht umgekehrt.

Zur Frage, welche Bedeutung Leidenschaft oder das Ersehnen von Bedürfnisbefriedigung haben kann, viel mir vor einiger Zeit bei hoch21 eine Antwort in die Hände:

Kein Künstler schafft Kunst, weil er glücklich wie die metaphorische Kuh auf der Frühlingswiese ist! Kunst, wirkliche Kunst, entsteht aus der Sehnsucht nach einer Vollkommenheit, die der Künstler nicht besitzt und nach der er sich verzehrt. Die größten künstlerischen Schöpfungen bestehen aus größter Sehnsucht nach etwas Unerreichbarem.

Niemand schafft erwähnenswerte Kunst, weil er satt und zufrieden ist! Nur, weil es sich gut anfühlt, Kunst zu erleben, ist sie deshalb kein Beweis für irgendetwas Gutes. Kunst ist Ausdruck von Fehlen, Fehler und der Erkenntnis dessen! Kunst beweist nichts!

Ich liebe Bücher, in denen Gesellschaftsanalyse verdichtet und zum Roman geformt wird.

so true…

Donnerstag, Juni 10th, 2010

Wiese

Montag, Mai 3rd, 2010

Was habe ich nur getan?

Freitag, April 23rd, 2010

Sie sagte: Befriedigung durch Substanzen ist eine schnelle und einfache Form sich glücklich zu machen, wenn z.B. mein Tag mich so unbefriedigt zurücklässt. Wenn ich müde war, noch so viel machen wollte und im Bett nicht einschlafen konnte, dann half das. Ich konnte einschlafen, wirklich müde und musste nicht nachdenken. Doch wenn Trinken die Funktion hat, sich wegen der schieren Unbewältigbarkeit der Probleme zu benebeln, dann verbaut man sich die Möglichkeit, seine Probleme zu verstehen und zu lösen.

Wieso hinterfragte ich mein Verhalten? Ich habe es doch wissen wollen, habe doch erfahren wollen, wie es ist, über mein Leben ein Stück weit die Kontrolle zu verlieren. Nur, der einst kontrollierte Kontrollverlust war schon wieder meinen Händen entglitten. Ja, ich hatte das bewusst provoziert, doch die Folgen gingen auch auf Kosten wichtiger Menschen. Etwas, das sich nicht umkehren und wieder gut machen lässt. Zu weit gegangen ist zu weit gegangen. Egal, wie viele Schritte. Das war nicht mehr folgenlos und unwichtig, so wie die eigene Traurigkeit. Nicht auch noch die anderen. Es muss sich ganz, ganz schnell etwas ändern.

Während ich so auf der einen Seite tiefer ins Unglück stürze, als jemals zuvor, tut sich auf der anderen Seite etwas Neues auf. Plötzlich begegneten mir Menschen, die mir nur aufgrund des Eindrucks, den ich erweckte, Achtung entgegenbrachten. Eine völlig neue Erfahrung, die Lust auf mehr macht.
Ich habe so unglaublich lang immer wieder meine Verzweiflung und Einsamkeit überspielt, habe so immer wieder mein Glück selbst schaffen wollen. So viele Menschen begegneten mir dabei, die kurze, schöne Momente mit mir teilten, nein besser: wir verschufen uns gegenseitige, doch keine gemeinsamen schönen Momente. Ich hatte kein Interesse daran, auch ihre anderen Seiten zu sehen. Nichts Tiefes, nichts Langes, schnell weiter. Komm mir bloß nicht zu nahe. Auch hier die kontrollierte Unkontrolliertheit. Wer jeweils kam, das gab ich halbwegs aus der Hand, es wurde gleichgültig, wichtig war nur, dass er wieder ging und mich allein ließ.
Die, an die ich mich vorher hing, die wendeten sich schnell ab, als ich schwierig wurde.

Ich sagte zu ihr: Denn aus der Angst heraus zu handeln, dass man den anderen verliert, ist ein total restriktives Handeln. Sie: es schafft eine Instrumentalbeziehung. Ich: Ja, man instrumentalisiert den Anderen, um die eigene Angst ob des Verlusts von ihm in den Griff zu kriegen. Doch wer will sich schon gern instrumentalisieren lassen? Klar, wenn er dann geht. Sie nickte.

Dann diese Zeichen meiner Gleichgültigkeit, die zunächst mich selbst und später auch andere betraf – sie irritierten mich.
Gleichgültig mir selbst gegenüber: Dass der Schaden, den ich mir mit meinem Verhalten zufügte, von mir billigend in Kauf genommen wurde. Der Schaden, die Schäden? Wen interessiert‘s, solange ich funktioniere? Und das tue ich. Merkt keiner was, ich bin ja fröhlich, wenn es darauf ankommt. Ich tue nicht nur, ich bin fröhlich, wenn es darauf ankommt. Sonst sind sie weg, das kannte ich ja nun.
Gleichgültig anderen gegenüber: Ich musste mich zwingen, ihnen am nächsten Tag noch zuzuhören. Hatte ich ihnen gestern zugehört? Dass, was sie einzigartig machte, war mir wichtig abends, alles andere interessierte mich nicht. Und komm mir bloß nicht zu nahe. Frag nicht weiter nach, ich tue es auch nicht. Was soll da schon für ein Gespräch am nächsten Morgen entstehen? Aber bin das ich? Uninteressiert an ihren Leidenschaften, Vorlieben? Warum dann so nahe? Wo ist meine geistreiche Art, meine Fähigkeit, Widersprüche auf den Punkt zu bringen und ihnen einen neuen Blick auf alte Probleme zu ermöglichen? Warum sind sie mir so egal? Ich werde mir fremd.

Das Gefühl, eine grundsätzlich problematische Lebenssituation nicht anerkennen zu können, weil das unerträglich wäre, ist schon sehr merkwürdig. Sollte es mir wirklich so schlecht gehen? Kann ich gar nicht glauben. Läuft doch schließlich alles so halbwegs. War doch alles so gewollt, habe ich doch selbst entschieden. Es ist aber die einzige Erklärung für die Seiten meines Handelns, die ich nicht verstehe.

Damit verbunden die Frage: Sollte es doch außerhalb meines Wunsches gelegen haben, die Kontrolle zu verlieren? War dies vielleicht die verlockenste Möglichkeit innerhalb restriktiver Lebensbedingungen und damit weit von dem entfernt, was ein Wunsch ist?
Ich habe so gut wie keine Chance auf ein Standard-Familienleben. Zunächst einmal, weil es mich so sehr gruselt. Ich kann es nicht, denn ich sehe nur Käfige, wenn ich Familien betrachte. Manche sind golden. Meiner war es auch. Das macht es so bitter. Ich hätte es schön haben können, soweit das hier und heute möglich ist.
Außerdem will es auch keiner mit mir haben. Viele wollen vieles von mir, aber das will keiner. Wenn es mir gut geht, halte ich das aus. Die Oberflächlichkeit zu den Kita-Bekannten, die Oberflächlichkeit zu den Männern. Ich halte sie fern, damit sie mein Unglück nicht sehen, damit sie mich nicht beurteilen, damit sie mir nicht zeigen können, dass sie mich lieber fern haben wollen. Denn das weiß ich ja nun.
Verdammte Kacke, tut das weh.

Dabei will ich kein Familienleben oder so. Also warum denken sie das immer? Weil kein Mann an meiner Seite ist? Will ich das etwa? Ich will Nähe, Vertrautheit, Verlässlichkeit und keine Konkurrenz. Ich will gelassen, gefragt und gebraucht werden und Augenhöhe. Ohne Käfig. Ob das geht? Es fehlt mir.

Sonntag, März 14th, 2010

Mein Hals ist trocken und rau, husten tut so weh. Mein Bauch gluckert, er ist aufgeschwemmt mit Wasser und allem möglichen, alles ertränkt und erstickt, was da nicht sein soll. Mein Kopf tut weh, das Denken scheint mir unmöglich. Ich sehe von den Texten und dem Laptop auf, aus dem Fenster, sehe den Balkon mit den toten Pflanzen. Die habe ich alle sterben lassen, damit auch die Gefühle sterben. Kein Leben und Fühlen mehr, weg damit. Und trotzdem sehe ich dich da noch, wie du stehst und rauchst, wie du dein Glas da abstellst bei den Pflanzen, während ich sie sterben lasse.