Archive for the ‘Alltag’ Category

In der Bahn

Dienstag, Januar 18th, 2011

Wenn ich in der Straßenbahn eingeengt zwischen Menschen, die mit all ihren neuesten technischen Gadgets und Modeaccessoirs vor sich hinschnöseln, meinem hemmungslos weinenden Sohn vor ihren Ohren erklären muss, warum wir nun das heißbegehrte Spielzeug nicht kaufen konnten, dann packt mich maßlose Wut auf diese ungerechte Verteilung von Kapital und Ressourcen, die sich allein schon in einer Straßenbahn äußert und auf ein auf Konsum basierendes System und seiner Werbung, die in ihrer vereinnahmenden Penetranz selbst vor Kindern nicht halt macht.

Beschützer der Damen

Sonntag, Oktober 24th, 2010

Ich wurde heute anlässlich eines Pittiplatsch-Hörspiels (!) gefragt, was ein Kavalier ist. Als ich das versuchte, so anschaulich wie möglich zu beschreiben und mit solchen Beispielen wie „Hebt einer Frau das Taschentuch hoch, hält ihr die Tür auf, hilft ihr in den Mantel“ usw. kam, wurde ich mit der unweigerlichen Frage nach dem Warum konfrontiert. Und überlegte erstmal. Denn spontan fiel mir kein triftiger Grund ein, warum einer Frau von einem Mann dabei geholfen werden müsste, also spekulierte ich drauf los.

Ich kann mir gut vorstellen, dass solches Verhalten mal wirklich nötig war als die Frauen aus modischen Gründen zur fast völligen Bewegungsunfähigkeit getriezt wurden bzw. sich dazu triezten (Mh, Mode verdeutlicht eigentlich prima das jeweils aktuelle Ideal von einer Frau, oder?). Als ich später mal nachschaute, konnte ich erfahren, dass der Begriff des Kavaliers in seiner heutigen Bedeutung während des Barock entstand, einer Zeit, in der Dank Korsett und Reifrock das Bücken nach einem heruntergefallenen Gegenstand oder das Öffnen einer Tür wahrscheinlich größere Hindernisse dargestellt haben dürften. Besonders aufschlussreich, was hier über Frauenkleidung am französischen Hofe während des Rokoko steht.

Das heißt dann ja, dass der Kavalier ohne sein Konterpart, die bewegungsunfähige und recht passive Dame nicht vorstellbar ist und die von einem Mann für die Frau aufgehaltene Tür heute damit wirklich eine in ihrem ursprünglichen Sinne inhaltsleer gewordenen Geste ist, die nur noch Symbolcharakter hat. Das, was sie noch ausdrücken kann, also vielleicht Höflichkeit oder Zuvorkommen, kann auch geschlechtsunabhängig gezeigt werden. Aber das macht dann den Begriff irgendwie überflüssig.

In der Geschichte mit Pittiplatsch spielte es sich jedenfalls so ab, dass erst Schnatterinchen und gleich danach Moppi vor einem vermeintlichen Gespenst wegliefen, das sie eigentlich zu dritt verjagen wollten. Moppi, zur Rede gestellt von Pittiplatsch, erwiderte dann, dass er nur hinterher gerannt sei, weil er Schatterinchen ja nicht allein lassen könne und beschützen müsse, so als Kavalier :)

Luft holen

Freitag, April 9th, 2010

Die Zeit der Prüfungsvorbereitungen ist immer eine Zeit der Extreme. Die Widersprüchlichkeiten, die hier auf einander stoßen, hemmen und bewegen so viel.

Durch die volle Konzentration auf ein Thema, verengt sich das Blickfeld, andere wichtige Dinge geraten außerhalb des Fokus. Das heißt, sie sind eigentlich noch da, doch überschattet vom schlechten Gewissen, jetzt nicht zu lernen, sondern anderes zu tun. Damit wird das Lernen einerseits zu einer einzigen Qual, zu einem ständigen Kampf um Selbstdisziplin, der mit steigendem Zeitdruck zwar leichter auszutragen ist, doch eben zum Preis des steigenden Drucks.

Ein verschärfender Randaspekt ist, dass ich mir selbst die Zeit mit meinen Kindern entsage. Und nicht nur das, ich weiß auch zu schätzen, wie kostbar diese Möglichkeit überhaupt ist. Damit fühle ich mich zum Einen schlecht, weil sie mich nicht sehen und zum Anderen, weil ich nicht mal lerne, sondern die Zeit verplempere. Als mein Sohn mich am Tag vor der letzten Prüfung – zum ersten Mal eigenständig – anrief und mit trauriger Stimme sagte: „Mama, du sollst herkommen“, herrschte wohl bei uns beiden tiefste Verzweiflung.

Hätte ich doch nur. Hätte ich doch nur meine Zeit besser eingeteilt, früher angefangen, mehr geschafft usw. Ich hätte bei ihm sein können.
Aber fremdgesetzte Lernziele und -inhalte können nicht widerspruchsfrei oder glatt umgesetzt werden.
Lernen an sich ist immer ein Prozess, der von Bewegung und Stillstand gekennzeichnet ist. Das bezeichnet Lernen.

Und ich habe viel gelernt. Denn so quälend und behindernd diese Form zu Lernen und zu Arbeiten ist, so bereichernd ist sie auch.
Ich habe zwar gelernt, dass Frauen und Männer unterschiedliche Berufsverläufe haben und diese (nicht überraschenden) Unterschiede in der Medizin stärker ausgeprägt sind als in der Psychologie und ich habe gelernt, auf welchen Prinzipien die dialektisch-behaviorale Therapie der Boderline-Persönlichkeitsstörung, (die zu einem Großteil bei Frauen diagnostiziert wird) aufbaut, was am darin vorfindlichen Bild von der Störung einzigartig ist und warum Klinische Psychologie potentiell Frauen benachteiligt, aber eigentlich geht es um etwas anderes.
Es geht um die Form von Kritik. Denn ein Bemerken und Bemängeln von Unterschieden ist nicht das Gleiche wie eine grundsätzliche Skepsis gegenüber den Kategorien, mit denen benachteiligendes Denken und Handeln möglich und naheliegend wird. Deswegen kann Feminismus immer nur mit Gesellschaftskritik einhergehen und hier eröffnet sich nun mein nächstes Feld. Die Werkzeuge, die Kategorien zur kritischen Gesellschaftsanalyse, deren Anwendung ich (hoffentlich) fähig bin auf Geschlechterdiskriminierung beziehen.

Luft holen. Nun ist der mächtige Druck, das furchtbare schlechte Gewissen weg, ich bin schlauer geworden und sehe, was es noch alles zu entdecken gibt, kein Zwang, aber Möglichkeiten. Die Euphorie wegen der bestandenen Prüfungen geht in Enthusiasmus für‘s nächste Thema über. Ich liebe das.
Nun aber erst mal die Kinder. Die liebe ich auch. Ich wünschte, das würde sich nicht immer so ausschließen.

Jeder ist sich selbst der Nächste?

Dienstag, März 9th, 2010

Eine von zwei Alltagsbegebenheiten

Dass so viele bahnfahrende Leute an diesem Tag in Sonntagsstimmung waren, fiel mir deswegen auf, weil ich es nicht war. Ich fahre mit allen Lernutensilien bepackt nach Hause, weil Hunger und Müdigkeit schlechte Lernvoraussetzungen sind und ich mir vorgenommen habe, nach der nötigen Pause weiterzumachen. Es gibt noch so viel zu tun. Die anderen Menschen dagegen haben, wenn überhaupt, Kleinigkeiten dabei, wie Blumen, Kuchen oder Reiseführer und Fotoapparat – solche Dinge, die offenbaren, dass sie nun etwas Schönes tun werden. Eine fröhliche, leichte Stimmung erfüllt den Waggon.

(mehr …)