Archive for the ‘Spezifisch weiblich’ Category

Luft holen

Freitag, April 9th, 2010

Die Zeit der Prüfungsvorbereitungen ist immer eine Zeit der Extreme. Die Widersprüchlichkeiten, die hier auf einander stoßen, hemmen und bewegen so viel.

Durch die volle Konzentration auf ein Thema, verengt sich das Blickfeld, andere wichtige Dinge geraten außerhalb des Fokus. Das heißt, sie sind eigentlich noch da, doch überschattet vom schlechten Gewissen, jetzt nicht zu lernen, sondern anderes zu tun. Damit wird das Lernen einerseits zu einer einzigen Qual, zu einem ständigen Kampf um Selbstdisziplin, der mit steigendem Zeitdruck zwar leichter auszutragen ist, doch eben zum Preis des steigenden Drucks.

Ein verschärfender Randaspekt ist, dass ich mir selbst die Zeit mit meinen Kindern entsage. Und nicht nur das, ich weiß auch zu schätzen, wie kostbar diese Möglichkeit überhaupt ist. Damit fühle ich mich zum Einen schlecht, weil sie mich nicht sehen und zum Anderen, weil ich nicht mal lerne, sondern die Zeit verplempere. Als mein Sohn mich am Tag vor der letzten Prüfung – zum ersten Mal eigenständig – anrief und mit trauriger Stimme sagte: „Mama, du sollst herkommen“, herrschte wohl bei uns beiden tiefste Verzweiflung.

Hätte ich doch nur. Hätte ich doch nur meine Zeit besser eingeteilt, früher angefangen, mehr geschafft usw. Ich hätte bei ihm sein können.
Aber fremdgesetzte Lernziele und -inhalte können nicht widerspruchsfrei oder glatt umgesetzt werden.
Lernen an sich ist immer ein Prozess, der von Bewegung und Stillstand gekennzeichnet ist. Das bezeichnet Lernen.

Und ich habe viel gelernt. Denn so quälend und behindernd diese Form zu Lernen und zu Arbeiten ist, so bereichernd ist sie auch.
Ich habe zwar gelernt, dass Frauen und Männer unterschiedliche Berufsverläufe haben und diese (nicht überraschenden) Unterschiede in der Medizin stärker ausgeprägt sind als in der Psychologie und ich habe gelernt, auf welchen Prinzipien die dialektisch-behaviorale Therapie der Boderline-Persönlichkeitsstörung, (die zu einem Großteil bei Frauen diagnostiziert wird) aufbaut, was am darin vorfindlichen Bild von der Störung einzigartig ist und warum Klinische Psychologie potentiell Frauen benachteiligt, aber eigentlich geht es um etwas anderes.
Es geht um die Form von Kritik. Denn ein Bemerken und Bemängeln von Unterschieden ist nicht das Gleiche wie eine grundsätzliche Skepsis gegenüber den Kategorien, mit denen benachteiligendes Denken und Handeln möglich und naheliegend wird. Deswegen kann Feminismus immer nur mit Gesellschaftskritik einhergehen und hier eröffnet sich nun mein nächstes Feld. Die Werkzeuge, die Kategorien zur kritischen Gesellschaftsanalyse, deren Anwendung ich (hoffentlich) fähig bin auf Geschlechterdiskriminierung beziehen.

Luft holen. Nun ist der mächtige Druck, das furchtbare schlechte Gewissen weg, ich bin schlauer geworden und sehe, was es noch alles zu entdecken gibt, kein Zwang, aber Möglichkeiten. Die Euphorie wegen der bestandenen Prüfungen geht in Enthusiasmus für‘s nächste Thema über. Ich liebe das.
Nun aber erst mal die Kinder. Die liebe ich auch. Ich wünschte, das würde sich nicht immer so ausschließen.

Die vielen Ebenen sexueller Gewalt und ausgeblendete Reproduktionsarbeit. Was ich von „Who cares?“ mitnahm

Dienstag, März 16th, 2010

Zunächst war ich mir nicht sicher, ob ich wirklich gehen sollte, schließlich musste ich mich auf eine Prüfung vorbereiten. Ich hatte mir als Thema die Geschlechterdifferenzen in Berufsverläufen am Beispiel der Medizin und Psychologie ausgesucht und nun lockte da diese Veranstaltung, die Queerfeminismus mit Ökonomiekritik verbinden will? Passt ja irgendwie, dachte ich, also hin.

Passte nur so halb, denn über das Aufzählen von Unterschieden waren sie da schon lange hinaus.

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Nachdenken über Pille und Co.

Sonntag, März 14th, 2010

Nachdem sich nun einigermaßen sicher herausgestellt hat, dass die Aufregung der letzten Wochen überstanden ist, jedenfalls die Aufregung, die die körperliche Ebene betrifft, bleibt ein bitterer Nachgeschmack dennoch erhalten und mündet in die leidliche Frage, ob ich zusätzlich noch anders verhüte.
Viele Hinweise gab es in den Kommentaren hier bei mir und auch die Autorin, die so mutig über ihre Abtreibung gebloggt hatte, greift nun auf die Pille zurück.

Das Angebot an Verhütungsmitteln ist erschlagend und bei allen Argumenten, die mir für oder gegen dies oder das einfallen, vermischen sich total viele Ebenen. Da gibt es die Praktikabilität, die irgendwie auch mit dem Lebenswandel zusammenhängt und die Wirkung, die das Mittel auf den Körper hat. Schließlich scheint dies aber auch ein ideologisch umkämpftes Feld zu sein. Allein, wenn ich wissen will, ob die Pille krebserhöhendes Risiko hat, kann ich Belege dafür und dagegen (siehe der letzte Satz dort) finden. Genauso sieht es mit Nebenwirkungen der Pille aus: Es gibt recht harmlose Beschreibungen und recht erschreckende. Das zeigt meiner Meinung nach, dass es hier um mehr geht, als medizinische Beweise.

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Die Pille danach

Donnerstag, März 4th, 2010

ein knapper zwanni für meine sicherheit. hoffentlich. on Twitpic

Dass bis zu dem Moment, an dem ich sie nun in der Hand hielt, eine Menge passiert sein musste, ergibt sich eigentlich von selbst. Der schöne Abend endete im Zuge der Erkenntnis des Unfalls mit großem Schrecken und dem Vorhaben, am nächsten Tag so schnell wie möglich eine Ärztin zu suchen. Zwischen Arbeit und Bibliothek ließ sich tatsächlich eine finden und so kam ich, nachdem ich durch massive Angst vor einer Schwangerschaft und unzählige moralisierende Selbstvorwürfe ob meines unsteten Lebenswandels gegangen war, schließlich mit erleichternder Hoffnung in der Bibliothek an. Diese Selbstvorwürfe hatte ich mir vor dem Unfall nicht gemacht, jedenfalls nicht in der Schärfe und sie überraschten mich auch deswegen, weil sie vollkommen fehl am Platze waren: Wir hatten alles richtig gemacht, solche Dinge passieren einfach.

Manchmal gibt es seltsame Zufälle. Nur wenige Tage nach meinem Erlebnis stieß ich plötzlich auf diverse Diskussionen zum Thema Abtreibung und „Pille danach“. Da kam zum einen die Frage auf, ob es richtig sei, über seine eigene Abtreibung zu twittern und zu bloggen, Wolfgang Schmidbauer löste mit einem Ratschlag zu einer hypothetischen Schwangerschaft jede Menge Diskussionen aus und sah sich zu einer ausführlicheren Argumentation veranlasst und letztlich schrieb im Mädchenblog leonie über ihre aktuellen Erfahrungen mit der Pille danach.

Der Fokus der Diskussionen geht in eine ganz andere Richtung als meine eigenen Probleme mit der Geschichte.

Es ging (zunächst nur bei Schmidbauer, dann in den Kommentaren teilsweise auch bei leonie) um den konstruierten Fall, dass eine Frau die Möglichkeit einer Schwangerschaft eingeht und den Mann darüber nicht mitentscheiden lässt. Was mir an dieser Debatte u.a. auffällt: Das diskutierte Problem ist von vornherein so einseitig aus der Perspektive des Mannes geschildert und die wird (so scheint es mir) auch nicht verlassen, um die der Frau einzunehmen.

Was mich daran verstört: Das geht so völlig an meiner eigenen Lebenswirklichkeit vorbei. Klar, denn ich bin eine Frau. Aber auch aus einem anderen Grund. Denn ich bin unmittelbar betroffen und frage mich derzeit, ob die Pille denn nun tatsächlich bei mir wirkt oder nicht (dies scheint umstritten, wie ich via Mädchenblog dann las). Somit ist meine Erleichterung obsolet und nun plage mich noch weiter mit all den seltsamen Vorstellungen und Gefühlen rum, die im Zuge der Ungewissheit meines Zustandes durch meinen Kopf geistern. Ich habe Angst davor, abtreiben zu müssen und noch mehr Angst vor einer Schwangerschaft mit all ihren Konsequenzen. Ich dachte erst, dass es, wenn es um Pille danach, Abtreibung, Schwangerschaft usw. in öffentlich geführten Debatten geht, selbstverständlich zunächst mal um die weibliche Perspektive geht. Aber das ist wohl einfach ein anderes Thema.