Beschützer der Damen

Ich wurde heute anlässlich eines Pittiplatsch-Hörspiels (!) gefragt, was ein Kavalier ist. Als ich das versuchte, so anschaulich wie möglich zu beschreiben und mit solchen Beispielen wie „Hebt einer Frau das Taschentuch hoch, hält ihr die Tür auf, hilft ihr in den Mantel“ usw. kam, wurde ich mit der unweigerlichen Frage nach dem Warum konfrontiert. Und überlegte erstmal. Denn spontan fiel mir kein triftiger Grund ein, warum einer Frau von einem Mann dabei geholfen werden müsste, also spekulierte ich drauf los.

Ich kann mir gut vorstellen, dass solches Verhalten mal wirklich nötig war als die Frauen aus modischen Gründen zur fast völligen Bewegungsunfähigkeit getriezt wurden bzw. sich dazu triezten (Mh, Mode verdeutlicht eigentlich prima das jeweils aktuelle Ideal von einer Frau, oder?). Als ich später mal nachschaute, konnte ich erfahren, dass der Begriff des Kavaliers in seiner heutigen Bedeutung während des Barock entstand, einer Zeit, in der Dank Korsett und Reifrock das Bücken nach einem heruntergefallenen Gegenstand oder das Öffnen einer Tür wahrscheinlich größere Hindernisse dargestellt haben dürften. Besonders aufschlussreich, was hier über Frauenkleidung am französischen Hofe während des Rokoko steht.

Das heißt dann ja, dass der Kavalier ohne sein Konterpart, die bewegungsunfähige und recht passive Dame nicht vorstellbar ist und die von einem Mann für die Frau aufgehaltene Tür heute damit wirklich eine in ihrem ursprünglichen Sinne inhaltsleer gewordenen Geste ist, die nur noch Symbolcharakter hat. Das, was sie noch ausdrücken kann, also vielleicht Höflichkeit oder Zuvorkommen, kann auch geschlechtsunabhängig gezeigt werden. Aber das macht dann den Begriff irgendwie überflüssig.

In der Geschichte mit Pittiplatsch spielte es sich jedenfalls so ab, dass erst Schnatterinchen und gleich danach Moppi vor einem vermeintlichen Gespenst wegliefen, das sie eigentlich zu dritt verjagen wollten. Moppi, zur Rede gestellt von Pittiplatsch, erwiderte dann, dass er nur hinterher gerannt sei, weil er Schatterinchen ja nicht allein lassen könne und beschützen müsse, so als Kavalier :)

das wochenende mit neuen perspektiven

Bilder vom Wochenende. Interessant vor allem, die Welt und sich mal durch die Augen eines Kindes zu sehen. Wie gut, dass es robuste Digitalkameras, viel Speicherplatz und geduldige Besitzer gibt.

Schön war’s: der Regenbogen, unter dem die Kinder unwissentlich spielten, am nächsten Tag Söhnchens Dokumentation des Heimweges (vom Kino und Spielplatz) und des abendlichen Pizzabackens, an der wir uns nicht satt sehen konnten und der spontane Besuch im Technikmuseum am Sonntag, von dessen Teilnahme am Tag des offenen Denkmals wir unerwartet profitierten. Doch der Samstag blieb mein Höhepunkt, denn neue Perspektiven eröffneten sich mir nicht nur durch kindliche Fotografie. Mal weiter gucken…

:)


Befremdliche Vetrautheit

Wenn meine Gedanken ganz fest beisammen gehalten werden, auf den Text gerichtet, auf die Frage nach Kohärenzgefühl und Widerstandsressourcen, nach der Fähigkeit, Belastungen zu bewältigen, dann schweifen sie heimlich ab zu dir. Dann ist der Kaffeegeschmack, der eben noch auf meinen Lippen war, weg. Statt dessen schmeckt es nach dir und für all meine Sinne bist du wieder präsent. Dein Geruch, deine Stimme mit dieser besonderen Melodie und den Pausen, die du im Satz machst oder deine Hand in meinen Haaren… Alles wieder da.

Unglaublich, ich sah dich nur so kurz, ich war abwartend, ein wenig skeptisch und doch: du warst mir sofort so wahnsinnig nah, ich hatte das Gefühl, wir kennen uns lang. Als teilten wir einst alles, eine ereignisreiche Vergangenheit, die Art, die Welt zu sehen, andere Menschen zu sehen und die Liebe zur derselben Musik, die Schwierigkeiten dieser Welt. Nur dass ich damit anders umging, vielleicht besser funktionierte. Als hätten wir uns einfach nur lange aus den Augen verloren und uns nun wieder gefunden. Ich wollte dir doch zeigen, wie ich nun zurechtkomme und sehen, wie du es tust. Was du mir preisgegeben hast und ich dir… Dein warmer lächelnder Blick, deine vorsichtige Zärtlichkeit, die mir, als ich sie das erste Mal spürte, schien, als hätte ich sie schon immer gebraucht und einfach lange entbehrt. Endlich wieder da. Woher kommt das Gefühl? Es ist mir völlig neu, obwohl ich doch schon so oft hingerissen war von Menschen.
Und es ist mir ein Rätsel, wieso du plötzlich und so schnell weg warst, nicht mehr reagiertest. Was habe ich getan, habe ich dich verletzt, war ich dir plötzlich egal? Ich wollte doch noch so viel mehr von dir, wollte deine Welt jenseits alberner Wer-mit-wem-Geschichten entdecken, die erlebe ich selbst zu genüge. Wollte dich verstehen, mit deinen Augen die Welt sehen und dich mit meinen Augen die Welt sehen lassen. Auch wenn die Gelassenheit und Distanz gegenüber Alltagsbanalitäten, bei denen ich dich vermutete, so gar nicht in deinem Reden zu finden waren. Trotzdem. Dabei habe ich so ein schönes Leben, so viele liebe Menschen bei mir. Aber du fehlst mir und ich hoffe, wir werden wieder miteinander reden, Nähe und Geborgenheit teilen und das befremdliche vertraute Gefühl, das du auslöst, wird wieder lebendig. Gehab dich wohl.

Brücke

Und immer, wenn ich mich einsam fühle und ganz verzweifelt bin oder auch nur ein bisschen, immer dann, wenn ich ich mich frage, wie es dir geht, was du gerade machst und ob du an mich denkst – ach, immer wenn es genau der richtige Zeitpunkt ist, dann bist du da, höre ich deine Stimme und die Dinge, die du sagst und fragst, die klingen leicht und freundlich, doch sie wirken weiter.

Ein, zwei Tage später, da bist du dann schon wieder ganz weit weg und deine Worte mit dir, da hallen sie immer noch in mir nach und werden bedeutsam. Sie halten mich ein wenig, der Boden unter den Füßen ist nicht mehr so wacklig und ich kann wieder besser gehen.

Was sonst noch so passiert

Kurze Zusammenfassung all jener Nachrichten, die mir in letzter Zeit die Schuhe ausgezogen haben:

Zunächst ein Interview in der taz zur „Gefährderdatei“. Schockierend wie die Frage, was man getan haben muss, um als „politisch motivierter Gefährder“ zu zählen, beantwortet wurde: „Nichts“. Da frage ich mich, ob all jene, die an politischen Veränderungen interessiert sind, zu „Gefährdern“ werden? Dabei lebt doch Demokratie genau davon, dass Leute etwas bewegen wollen.

Auch in der taz eine kurze Zusammenfassung der rassistischen Äußerungen Sarrazins. Wenn einer Begriffe wie Bildung und Intelligenz synonym verwendet, mal eben über die strittige Frage, ob hier überhaupt von Vererbung gesprochen werden kann, mit pseudo-konkreten Prozentangaben hinwegbürstet und letztlich noch über gesellschaftliche Zusammenhänge spricht, als gäbe es hier eine davon zu trennende „Natürlichkeit“, die sich da hintenrum durchsetze, wie kann es sein, dass so jemand dafür keine Konsequenzen hinnehmen muss?

Wenn ich von irgendeinem Thema gar keine Ahnung habe und das schnell ändern möchte, lese ich gern den Spiegelfechter. Das war auch zur Frage Wulff vs. Gauck sehr fruchtbar.

Doch, was mich am meisten bewegte, auch im Wortsinne: Die Sparpläne. Als ich die im Halbschlaf morgens erfuhr, war ich sofort hellwach und der Tag war gelaufen.
Antje Schrupp schreibt über den mit der Kürzung des Elterngeldes verbundenen Systemwechsel: Von der Anerkennung der Erziehungsarbeit zum Ersatz für den Erwerbsarbeitslohn, die währenddessen entgangen ist.
Dazu die Demo am Samstag. Ich war auch dabei, ich fühlte mich zum ersten Mal auf einer Demo nicht beschützt, sondern bedroht. Die Nachrichten berichten spärlich, schließlich ist WM, und nun geht es auch um  versuchten Totschlag?
Anne Roth ordnet die speziellen Ereignisse in einen gesellschaftlichen, politischen Kontext ein und fragt nach Hinweisen, während Tom Strohschneider in der Demo generell ein wichtiges Protestsignal sieht.

Früher nahm ich es nie für ganz voll, wenn es hieß, dass Regierungen gern die Abgelenktheit der Leute (der Medien?) durch WMs oder ähnliches nutzten, um fragwürdige Entscheidungen zu treffen. Jetzt sehe ich das mit Blick in meinen Feedreader anders. Ich fing z.B. an Kommentare Frédéric Valins zu politischen Geschehnissen zu mögen, doch nun besteht Spreeblick nur noch aus seinen WM-Spielberichten, wie diesen. Ich lese die total gern, aber na ja. Ähnlich ist es hier.