Du darfst wählen, aber du zahlst dafür.

Gedanken zu Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“

Je mehr sich politische und wirtschaftliche Freiheit verringern, desto mehr pflegt die sexuelle Freiheit sich kompensatorisch auszuweiten. Und der Diktator (falls er nicht Kanonenfutter braucht, um mit ihnen noch unbesiedelte oder zu erobernde Gebiete zu kolonialisieren) wird gut daran tun, diese Freiheit zu fördern. In Verbindung mit der Freiheit des Tagträumens unter dem Einfluss von Rauschmitteln, Filmen und Rundfunk wird die sexuelle Freiheit dazu beitragen, seine Untertanen mit der Sklaverei, die ihr Los ist, auszusöhnen.“ (S. 19) erklärt Huxley im Vorwort zu Schöne neue Welt“ in der Taschenbuchausgabe des Fischer Verlages.

Es gab Aspekte an einer zukünftigen Gesellschaft, die er da zeichnete, welche ich als sehr treffend empfand und andere, da sträubte sich alles in mir.

Erst sträubte es sich in mir, als ich merkte, dass das Abschaffen der Familie und der Monogamie und die in der zukünftigen Welt allgemein verbreitete sexuelle Freiheit so negativ dargestellt wurden. Der Weltaufsichtsrat erklärt Studenten eingangs den Sinn dieses Abschaffens recht psychoanalytisch in etwa so, dass durch „Familie, Einehe, Romantik“ alle Triebe und Kräfte auf einen Punkt, z.B. den Nachwuchs gerichtet oder eingedämmt werden und so das Kind leidenschaftliche Gefühle entwickelt. Und immer wieder fällt dabei der Begriff „Einsamkeit“: einsame Reue, einsamer Schmerz und einsames Angewiesensein auf sich selbst. Darum wurden in der Zukunft „Familie, Einehe und Romantik“ abgeschafft.

Wie Freizeit und Arbeit zusammenhängen

Im Eingangszitat oben, aus dem Huxleys knapp zwanzig Jahre jüngerem Vorwort zum Roman, wird ein Zusammenhang zwischen der Art, wie Menschen ihre „freie“ Zeit verbringen und der Gesellschaftsform hergestellt. Das gefällt mir, weil die Idee, obwohl sie nicht neu ist, schnell wieder abhanden gerät. Die spontane Denkweise ist ja eher, dass Arbeit und Freizeit zwei relativ unabhängige Lebensbereiche sind. Doch stellt man diesen Zusammenhang einmal her, so ergibt sich, dass es eben nicht egal ist, wie unser Arbeitsalltag verläuft und vor allem, wie sehr wir darüber mitbestimmen. Es gibt Studien, die feststellten, dass Menschen, die tagtäglich stumpfsinnige, monotone Arbeit verrichten auch in der Freizeit tendenziell stumpfsinnige und monotone Beschäftigungen ausüben, während eine abwechslungsreiche, anregende Arbeit auch mit ähnlich charakterisierbarer Freizeitgestaltung einhergeht. Diese Studien entstanden, wenn ich mich recht  an meine Lektüren erinnere, während des Fordismus, also zu einer Zeit, als auch Huxleys Roman erschien.

Auch in der schönen neuen Welt scheint Freizeit mit recht monotonen Ereignissen gefüllt zu sein: Es läuft meistens auf Ausgehen, also „Fühlkino“ und Sex hinaus. Interessant ist jedoch, dass hier die Norm ist, häufig verschiedene Partner_innen zu haben, während länger andauernde Beziehungen nicht gutgeheißen werden.

So wird z.B. Lenina Braun, nachdem sie erzählt, dass sie seit vier Monaten nur einen Mann trifft, von ihrer gutmeinenden Freundin Stinni ermahnt: „Allen Ernstes: ich glaube, du solltest vorsichtig sein. Es ist schrecklich ungehörig, so lange mit einem und demselben Mann zu gehen. (…) Außerdem weißt du doch, wie sehr der Bund gegen alle heftigen oder sich hinziehenden Affären ist. Vier Monate mit Henry Päppler ohne einen anderen Mann daneben – also, er wäre einfach wütend, wenn er wüßte –

Die sexuelle Freiheit, von der Huxley spricht, kann nur eine scheinbare sein, wenn sie mit diktatorischen Lebensbedingungen einhergeht. „Freiheit“ ist hier wohl der falsche Begriff, wenn die Menschen lediglich in einem engen Rahmen wählen können, wie sie sich diese Form von Befriedigung verschaffen können, nicht aber ob sie das wollen.

Der im Eingangszitat auftauchende Gedanke, dass „Freiheit“, also die Möglichkeit, recht schnell und einfach (vermeintlich) schöne Gefühle durch Unterhaltung, Drogen oder Sex herzustellen, instrumentalisiert wird, um Leute gefügig zu halten und sich mit  fremdbestimmten Lebensbedingungen leichter zu arrangieren, durchzieht das ganze Buch. Einer dieser treffenden Aspekte darin.

„Du darfst wählen, aber du zahlst dafür“, wie Huxley sein Vorwort schließt, hat also dummerweise den Haken, das die Wahl eine sehr begrenzte,  keine wirkliche Wahl ist.

Leidenschaft und Beziehungen

Wenn Leidenschaft dadurch entsteht, dass begehrt wird, dass eine Befriedigung nicht eintritt, ist es auch konsequent, dass Michel sich im Versuch, sich von dieser Gesellschaft zu distanzieren, letztlich in Enthaltsamkeit und Einsamkeit zurückzieht. Leidenschaft scheint für Huxley damit quasi zu einem widerständigen Moment gegen ein Mitlaufen und Funktionieren in einer perfekt durchgeplanten Welt zu werden.

Doch fiel mir auf, dass immer, wenn die Menschen in seinem Roman statt dieser unverbindlichen Beziehungen doch in familiären Strukturen leben oder dies wollen, Gewalt gegen Frauen auftrat. Sei es gegen die Mutter Michels oder gegen Lenina. Damit mag Leidenschaft wohl ein widerständiges, doch kein emanzipatorisches Moment in der utopischen Gesellschaftsform sein und es entsteht beim Lesen ein Gefühl der Ohnmacht und Ausweglosigkeit.

Zur Kritik an monogamen Beziehungen, auch wenn sie sehr kurz gegriffen ist, kommt eine Kritik an einem Umgang mit Sex, der von den Menschen absieht, der Frauen (veranschaulicht an Lenina) nur zu Objekten für die schnelle Befriedigung macht.

Parallelen zu unserer Gesellschaft

Nun ja, treffend war ja auch die Erklärung, warum es gewollt war, dass Menschen zwar Freiluftsport, aber keine Natur mögen sollen: „Die Liebe zur Natur halte keine Fabrik in Gang. (…) ,Wir normen den Massen den Haß gegen landschaftliche Schönheiten an‘, schloß der Direktor, ,doch zugleich auch die Liebe zum Freiluftsport. Dabei achten wir darauf, daß jeder Sport den Gebrauch komplizierter Geräte nötig macht. Sie benutzen also nicht nur Verkehrsmittel, [um an die frische Luft zu kommen], sondern auch die Fabrikerzeugnisse‘.“ Mh, wenn man neben den komplizierten Geräten noch die vielen schönen und aufwändig hergestellten Produkte aus Outdoorläden dazu denkt, ist die Zukunft wohl Gegenwart.

Oder das hier fand ich auch sehr bezeichnend: „,Und darin‘, warf der Direktor salbungsvoll ein, ,liegt das Geheimnis von Glück und Tugend: Tue gern, was du tun mußt! Unser ganzes Normungsverfahren verfolgt dieses Ziel: die Menschen zu lehren, ihre unumstößliche soziale Bestimmung zu lieben‘.“ Vielleicht ist sozialer Status (noch) nicht unumstößlich und wird auch nicht von jemandem bestimmt, doch wird ja z.B. von der Motivationspsychologie durchaus gestützt, dass wir das wollen, was wir sollen. Verinnerlichte Zwänge, quasi.

Außerdem der Gedanke, dass die Menscheneinteilerei sich auch im Körperlichen veräußert… Während bei Huxley dies vor der Geburt festgelegt wird und dann so bleibt, denke ich, dass der gesellschaftliche Status eines Menschen sich erst im Laufe seiner Biographie, einhergehend mit bestimmten Lebensbedingungen, durchaus in seinem körperlichen Zustand niederschlägt.

Fragwürdig ist allerdings das gängige Geschlechterrollenbild, das auch hier reproduziert wird: Hohe Positionen sind nur von Männern besetzt, die Studenten sind durch die Bank männlich und Frauen lassen sich von Männern einladen, nicht umgekehrt.

Zur Frage, welche Bedeutung Leidenschaft oder das Ersehnen von Bedürfnisbefriedigung haben kann, viel mir vor einiger Zeit bei hoch21 eine Antwort in die Hände:

Kein Künstler schafft Kunst, weil er glücklich wie die metaphorische Kuh auf der Frühlingswiese ist! Kunst, wirkliche Kunst, entsteht aus der Sehnsucht nach einer Vollkommenheit, die der Künstler nicht besitzt und nach der er sich verzehrt. Die größten künstlerischen Schöpfungen bestehen aus größter Sehnsucht nach etwas Unerreichbarem.

Niemand schafft erwähnenswerte Kunst, weil er satt und zufrieden ist! Nur, weil es sich gut anfühlt, Kunst zu erleben, ist sie deshalb kein Beweis für irgendetwas Gutes. Kunst ist Ausdruck von Fehlen, Fehler und der Erkenntnis dessen! Kunst beweist nichts!

Ich liebe Bücher, in denen Gesellschaftsanalyse verdichtet und zum Roman geformt wird.

so true…

Pippi Langstrumpf Kuchen

Rezept

Teig:
250 g Butter
250 g Zucker
4 Eier
1/16 l Orangensaft
1 Päckchen Orangenschale
1 Päcken Vanillezucker
Salz
300 g Mehl
200 g Speisestärke
1 Päcken Backpulver

Deko:
1 Packung Puderzucker
Zitronensaft
Lebensmittelfarben: Rot, Gelb, Blau, Grün
ein bisschen Kuvertüre, am besten Zartbitter, weil die dunkler ist
Bunte Dinge zum Verzieren, z.B. Smarties

Zuerst muss alles raus aus dem Kühlschrank und Zimmertemperatur annehmen, außer das Eiweiß. Ich trenne also die Eier und tue das Eiweiß wieder in den Kühlschrank bis es an die Reihe kommt.
Dann mache ich die Butter klein und in eine Schüssel und mache die Hälfte des Zuckers dazu, das wird ordentlich gemixt, bis es schön cremig ist. Dann kommt ein Eigelb dazu, wird mit dem Teig gemischt, danach erst das nächste und immer so weiter.
Dann kommt der Orangensaft und wird verrührt, dann wird der Vanillezucker und die Orangenschale reingerührt.
Danach hole ich das Eiweiß aus dem Kühlschrank und mache mit der anderen Hälfte des Zuckers schönen Eischnee draus, der dann unter den Teig gehoben wird. Das mache ich immer ganz langsam und vorsichtig. Zahlt sich m.E. aus.
Jetzt tue ich Mehl, Backpulver und Stärke in eine andere Schüssel, verrühre es und siebe es nach und nach in den Teig.
Der Teig kommt dann in eine Springform der üblichen Größe und ab in den Ofen, ich glaube so 180 bis 190°C, das Übliche halt.
Wichtig, dass der Ofen jetzt erstmal ne halbe Stunde zu bleibt und danach gucke ich dann, ob es oben zu braun wird. Wenn ja, kommt Pergamentpapier drauf. Nach einer Stunde piekse ich zum ersten Mal und wenn nichts hängen bleibt am Stäbchen, ist der Teig durch, sonst halt noch nicht.

Wenn der Kuchen kalt ist, nehme ich ihn aus der Form und schneide die verbeulte Decke ab, damit er eben ist, dann drehe ich ihn um und streiche alle Krümel ab.
Dann wird Zitronensaft mit Wasser vermischt und langsam in den Puderzucker getropft, bis der unter Rühren zu cremigen Zuckerguss geworden ist.
Ein bisschen Zuckerguss muss weiß bleiben für Pippis Zähne.
Dann wird ein großer Teil, ca. die Hälfte, blau gefärbt, die andere Hälfte noch mal halbiert, davon der eine Teil rot gefärbt mit einem ganz kleinen bisschen Grün, aber wirklich ganz, ganz wenig, der andere „Hautfarbe“: ganz wenig rot, noch weniger gelb.
So, dann gehts los. Erstmal habe ich den Pippi-Kopf und die Ohren aufgestrichen, dann gewartet, bis es angetrocknet war, damit die Farben nicht ineinander verlaufen. Dann kamen die Zöpfe dazu und ein paar Strähnen ins Gesicht. Jetzt könnte man langsam mal das Wasserbad für die Kuvertüre anschmeißen. Danach habe ich ringsherum alles blau gemacht und hier wieder aufgepasst, dass sich die Farben nicht vermischen auf dem Kuchen. Dann kommen die Smarties (außer blaue natürlich) auf den Rand des Kuchens und sonst noch Dekokrams auf den Kuchen. Wenn das alles getrocknet ist, mache ich mit der im Wasserbad verflüssigten Kuvertüre die Umrisse und Augen, Nase, Mund, Sommersprossen, Zopfgummis. Und wenn die Kuvertüre getrocknet ist, nehme ich den weißen Zuckerguss und male damit zwei Zähne auf Pippis Mund.

Die widersprüchliche Bewertung desgleichen Handelns bei Luke Skywalker und dir

Seit kurzem ging das schon so, dass er immer, wenn er wütend wurde über die Reglementierung durch ihn oder mich, knurrte. Dann bildete er eine Pistole aus seinen Fingern und schoss auf ihn oder mich.

Ich verstand nicht, woher das kam, dachte mir aber nichts weiter dabei. Er ist halt ein Junge, er probt sich in männlichen Verhaltensweisen, er ist wütend und sieht darin eine Möglichkeit gegen unser Gemecker aufzubegehren. Eine Möglichkeit, die mich in keiner Weise behindert, die keine direkten negativen Folgen für mich hat, also lasse ich ihn. Er dagegen störte sich massiv daran, verbot es ihm, wurde wütend und mit ätzender Regelmäßigkeit eskalierte die Situation. Dass er so empfindlich auf diese Geste seines Sohnes reagierte, löste bei mir massive Verständnislosigkeit aus. Was nur soll denn so schlimm daran sein?

Aber so stellte ich mir diese Frage überhaupt erst.

Einerseits akzeptiere ich voll und ganz, dass Kinder nicht mit den Vorgaben durch ihre Eltern per se einverstanden sind und weiß, dass meine sehr schnell von mir in die Ecke gedrängt werden, ohne dass ich es bemerke. Dann brauchen sie eine Möglichkeit, da wieder rauszukommen, ohne ihre Würde zu verlieren. Für mich war diese Geste immer genau das.

Aber andererseits verabscheue ich Waffen und gewaltvolle Auseinandersetzungen zutiefst und möchte nicht, dass wir so miteinander umgehen. Ich möchte nicht, dass irgendjemand so mit anderen umgeht. Nur: ist das, was ich da manchmal verlange, nicht auch gewaltvoll, nur eben auf anderer Ebene? Erziehen heißt doch letztlich auch, etwas an den Kindern durchzusetzen, ohne ihre Interessen, ihren Standpunkt dabei zu berücksichtigen. Dass sie da widerständig reagieren, sollte nicht verwundern und muss möglich sein. Sie sollen wissen, dass Widerstand und das Einstehen für die eigene Position sich lohnt. Angefangen in der eigenen Familie.

Aber mit Gewalt? Ich möchte Verständigung. Auch über meine Fehlbarkeiten. Sie sollen mit mir darüber reden können, dass ich mich über sie hinweg gesetzt habe, damit ich sie mehr berücksichtige, aber das geht nicht mit Gewaltandeutungen.
Das mag vielleicht ein deutliches Zeichen sein, um seine Unzufriedenheit mit der Situation zu äußern, aber da stehenzubleiben verbaut Möglichkeiten.

Ich möchte also, dass er seinen Unwillen anders äußert und überlege, wie er auf diese Geste kommt. Da fällt mir ein, dass er so verrückt nach Star Wars ist und wir ihm Ausschnitte aus Episode IV gezeigt haben, in der die Protagonisten, mit denen sich so ein kleiner Junge identifizieren kann, alle Gewalt ausüben, z.B. schießen. Luke, Han, Obi Wan. Dann fällt mir Monster vs. Aliens ein, bei denen die Protagonisten, mit denen ein kleiner Junge sich identifizieren könnte, Aliens erschießen. Aus Versehen. Er hat in den Filmen gesehen, dass Schießen eine legitime, hilfreiche Strategie ist, um sich aus Notlagen zu befreien. Ich dachte immer, er kennt den Unterschied zwischen Geschichten und Real Life, sollte ich mich geirrt haben?

Also erzähle ich ihm davon, dass Schießen im echten Leben zu einer nicht revidierbaren Folge führen kann: dem Tod. Ich versuche den Unterschied zwischen Film und Realität erneut zu erklären, diesmal bezogen auf Schießen als Handlungsstrategie. Er hört so aufmerksam zu, ich habe wohl tatsächlich einen offenen Widerspruch angesprochen. Wieso schießt und kämpft Luke Skywalker, wenn es doch falsch ist, das zu tun, aber Luke doch ein „Guter“ ist, der das Richtige tut? Mein Versuch, das aufzulösen endet in der unterschiedlichen Bewertung des Schießens in Film (vermeintlich legitimes Mittel) und Realität (grob gesagt niemals legitimes Mittel). Und meiner Kritik am Film. Irgendwann wechselt er konsequent das Thema. Genug für heute.

Die nächsten Male, als er auf die Geste zurückgreifen will, hält er währenddessen inne und ändert sie in eine andere, harmlosere. Bleibt nur noch die Frage, wie er nun seinen Unmut äußern kann und ob ich ihm Wege zeigen kann, die auf Verständigung hinauslaufen. Dazu muss ich aber für seinen Standpunkt offen bleiben und darf nicht aus Zeitdruck, Müdigkeit, Belastung oder was auch immer gegen seine Einwände dicht machen und sollte ihm vielleicht auch klar machen, wo da die vermeintliche Befreiung aus der elterlichen Enge Gefahr läuft, stattdessen in die Sackgasse zu geraten.

Wiese